Airlines im FamilientestAirline im FamilientestAeroflot – man kriegt, wofür man zahlt …

„Was, ihr fliegt mit Aeroflot??“ Die entsetzten Reaktionen klangen, als würden wir mit einer notdürftig geflickten Iljuschin voller wodkaseliger Sibirier fliegen – aber nach Vietnam gab es nun mal keinen günstigeren Carrier als Aeroflot. Ob es wirklich so schlimm war? Lest selbst.

Teil 2 von 4 der Serie Airlines im Familientest

von KidsAway-Redaktion

Das Testergebnis kompakt

Gesamtkostensehr gut
Stressfaktorbefriedigend
Komfortausreichend
Familienfreundlichkeitbefriedigend
Gesamtbewertungbefriedigend

 

Die Bewertungskriterien

Moskau Scheremetjewo

Moskau Scheremetjewo

© Weltwunderer

Folgende Bereiche haben wir getestet:

  • Buchung
  • Kosten
  • Gepäck
  • Anreise zu den Flughäfen
  • Check-in und Sicherheitskontrolle
  • Boarding
  • An Bord
  • Familienfreundlichkeit

Der Preis sowie die Lage und Erreichbarkeit des Flughafens fließen als wichtigste Aspekte für Flugreisende in unser Ranking ein. Daneben messen wir natürlich der Familienfreundlichkeit besonders große Bedeutung zu.

 

Die Ergebnisse im Einzelnen

Die folgenden Ausführungen beruhen auf Erfahrungen, die wir im August und September 2012 auf einem Aeroflot-Flug von Berlin-Schönefeld nach Ho-Chi-Minh-City und zurück von Hanoi (Vietnam) gemacht haben.

 

Buchung

  • Alles ganz normal. Die Aeroflot ist ein ganz normaler Anbieter, die Flüge haben wir wie immer über das Reisebüro unseres Vertrauens gebucht. Wie bei fast allen internationalen Carriern sind bevorzugtes Einsteigen für Familien und der Transport von Buggys inklusive und müssen nicht extra vorher gebucht werden.
  • Zeitig buchen. Von Langstreckenflügen in der Hochsaison sind wir es gewohnt: Buchen muss man hier so zeitig wie möglich. Wir haben uns Zeit gelassen und „erst“ acht Monate vorher gebucht; da gab es bei der ebenfalls günstigen Konkurrenz (LOT Polish Airlines) schon keine freien Plätze mehr.
  • Umbuchung/Stornierung – bitte wie? Natürlich hatten wir eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen, zum Glück haben wir sie nicht benötigt und mussten unsere Flüge weder umbuchen noch stornieren. Eine kurze Recherche zu dem Thema ergab: nichts. Eine längere zeigt, dass wir im Fall des Falles unserem Reisebüro vertraut hätten oder eine Hotline in Moskau anrufen hätten müssen, bei der man angeblich kaum Englisch spricht. Wie gesagt: Zum Glück brauchten wir das nicht zu tun.

 

Kosten

  • Unschlagbarer Preis. Das Preisargument war einfach unschlagbar: Die Kosten für einen Gabelflug nach Vietnam während der Sommerferien lagen fast 50 Prozent niedriger als vom Standard-Anbieter Vietnam Airlines.
  • Zusätzliche Anreisekosten. Der Flughafen Berlin-Schönefeld liegt ca. 170 km von unserem Zuhause entfernt, die ungefähren Benzinkosten für die Hin- und Rückreise summieren sich auf 50,- €. Mit dem Zug ist es seit einigen Jahren leider nicht mehr so einfach, nach Berlin-Schönefeld zu kommen.
  • Keine Übernachtungskosten. Unser Flug startete bequem um 14:00 Uhr, wir hätten also problemlos morgens zu Hause losfahren können, haben aber preiswert und noch bequemer bei Freunden in Berlin übernachtet, die uns auch abends nach unserer Rückkehr abholten – danke! Damit sparten wir im Übrigen auch die Kosten für einen Dauerparkplatz am Flughafen ein.

 

Gepäck

  • Viel Handgepäck? Kein Problem. Pro Person (ab zwei Jahre) ist, wie überall, ein Handgepäckstück zugelassen und jeder von uns trug brav einen (kleinen) Rucksack; zu unserer Überraschung wurde aber weder die Zahl der Gepäckstücke noch deren Abmessungen oder Gewicht beim Check-in oder beim Boarding überprüft. Tatsächlich reisten viele Passagiere offenbar ganz ohne eingechecktes Gepäck und quetschten ihre großen Reiserucksäcke erfolgreich in die Compartments. Urlaubssouvenirs in großer Zahl und sperrigen Tüten waren ebenfalls kein Problem.
  • Großes Gepäck. Hier gelten die üblichen Bestimmungen der großen Carrier. Wir haben nur einen großen Rucksack (ca. 20 kg) für uns vier aufgegeben und wissen nicht, ab welcher Gepäckstückzahl oder welchem Gewicht es Probleme gegeben hätte. Der Rucksack kam unbeschadet und ungeöffnet vom Gepäckband zurück.

 

Anreise zu den Flughäfen

  • Der Flughafen Berlin-Schönefeld liegt südlich der Hauptstadt direkt an der A13, etwa eine halbe Autofahrstunde vom Zentrum entfernt. Es gibt große Besucherparkplätze, ein Kurzaufenthalt von 10 Minuten ist kostenlos. Aus der Stadt kann man bequem mit der S-Bahn anreisen.
  • Günstige Langzeitparkplätze kann man online buchen, diese sind ca. 300 m vom Flughafengebäude entfernt, man wird aber mit einem Shuttle dorthin gebracht. Für 28 Tage hätten wir 100,- Euro bezahlt.
  • Der Flughafen in Ho-Chi-Minh-City ist neu, modern und groß, hier gab es (außer der extrem schleppenden Einreisekontrolle samt Visa-Vergabe) nichts zu beanstanden. Wie auch in Hanoi, fährt man am besten mit dem Taxi oder einem Shuttle vom Hotel hin und zurück, da beide Flughäfen recht weit vom Stadtzentrum entfernt sind (in Hanoi muss man mit mindestens einer Stunde Anfahrt rechnen!). Es gibt aber auch sehr preiswerte öffentliche Buslinien, wenn man sich traut.

 

Check-in und Sicherheitskontrolle

  • Kein Stress. Wir waren 2 Stunden vor Abflug im Terminal in Berlin und ca. 1,5 Stunden vor Abflug im Terminal in Hanoi. Check-in und Gepäckabgabe verliefen problemlos. Mit Aeroflot fliegen vornehmlich Vietnamesen nach und aus Vietnam, weil es eben sehr günstig ist; entsprechende Wartezeiten entstehen, weil viel (auch falsch deklariertes und schlecht verpacktes) Gepäck mitgeführt wird und die Passagiere offenbar selten fliegen. Das sorgt aber wenigstens für Unterhaltung beim Schlangestehen.
  • Reservierungsproblemchen. Keine Ahnung, wer für die Sitzplatzvergabe zuständig ist – aber auf dem letzten Leg unseres Rückflugs von Moskau nach Berlin wurden uns als Familie vier Plätze auf vier verschiedenen Sitzreihen (und nicht einmal hintereinander) zugewiesen.
  • Überraschend lasche Sicherheitskontrolle. Nach der gewohnten Prozedur in Berlin und noch einmal in Moskau wurde in Hanoi nicht nach der sonst vorgeschriebenen Ziplock-Tüte für Flüssigkeiten geschaut; andere Passagiere nahmen sogar ohne Beanstandung Wasserflaschen durch die Sicherheitsschleuse mit, zum Teil große Literflaschen!

 

Boarding

  • Bevorzugtes Einsteigen. Dass Familien beim Boarding und Einsteigen bevorzugt behandelt werden, ist bei großen Carriern normal, deshalb ist es uns nicht besonders aufgefallen. Wir fanden es natürlich trotzdem nett.
  • Kinderwagen bis ans Flugzeug. Wir hatten keinen mit, haben aber andere Familien mit Buggys gesehen, die bis zum Flugzeug mitgenommen wurden. Am Ankunftsort warteten die Buggys an der Gepäckausgabe.
  • Fluggastbrücken und Busse. In Moskau brachte uns ein Bus vom Flugzeug zum Terminal, sonst stiegen wir über Fluggastbrücken ein und aus.

 

An Bord

Wir waren mit Optimismus eingestiegen, wurden aber schnell überrascht: Die Stewardessen schauten zwischen bemüht freundlich bis grimmig drein, was sich während des Fluges nicht besserte.

  • Russische Freundlichkeit? Das größte Manko überhaupt: Wir sind vorher noch nie von Bordpersonal angepampt worden und waren erschrocken über Mimik und Verhalten einiger Stewardessen!
  • Verständlichkeit. Das Bordpersonal war auf allen Flügen ausschließlich russisch. Niemand sprach deutsch, das Englisch war teilweise sehr schlecht. Standardisierte Ansagen über das Lautsprechersystem erfolgten zuerst auf Russisch, ab und zu auf Englisch. Einige vietnamesische Passagiere hatten arge Verständigungsprobleme, wurden aber ignoriert.
  • Sitzplatzdebakel: siehe Check-in. Die Stewardessen waren kaum hilfreich, wir kümmerten uns selbst um den Eintausch von besseren Plätzen.
  • Eingeschränkte Beinfreiheit, wenig Sitzkomfort. Das übliche Problem: Wer mehr als 1,80 m groß ist, hat ein Dauerproblem beim Sitzen. Alle Flüge waren ausgebucht, daher mussten wir in den sauren Apfel beißen und auf je einem Sitz hocken. Unser Sohn verbrachte den Hinflug (über Nacht) auf dem Boden und schlief von uns allen am besten.
  • Gutes Essen. Wir haben alle Menüs durchgetestet: normal, vegetarisch und Kindermenü. Alles hat überraschend gut geschmeckt und hatte russische und asiatische Anklänge. Die Kindermenüs waren (zumindest auf dem Hinflug) sehr nett in Kistchen gepackt und enthielten unter anderem eine Art Porridge („Kascha“) zum Aufgießen, der unseren Kindern enorm gut schmeckte. Getränke wurden recht selten gebracht, auf Nachfrage jedoch ohne Probleme.
  • Bordprogramm ja/nein. Auf dem ca. 11-stündigen Hinflug (in einer Boeing 767-300) gab es leider kein Multimedia-Unterhaltungssystem, es wurden aber ein recht aktueller Spielfilm und die Fluginformationen auf einigen zentralen Monitoren gezeigt. Auf dem Rückflug in einem Airbus A330-300 gab es nichts zu meckern: ein großes Multimedia-Programm mit ca. 70 Filmen und persönlichem Monitor, die Filme jeweils in Englisch und Russisch. Zeitschriften und Zeitungen, die beim Einstieg kostenlos auslagen, waren ausnahmslos auf Russisch, genau wie das Bordmagazin.

 

Familienfreundlichkeit

Von besonderer Familienfreundlichkeit wollen wir nicht sprechen, da insbesondere der Terminus „Freundlichkeit“ auf die Aeroflot nicht passen mag; Familien und Kinder erfahren hier aber im Prinzip dieselbe bevorzugte Behandlung wie bei jedem anderen Carrier.

  • Bevorzugtes Einsteigen für Familien & Kindermenü. Familien mit Babys und Kleinkinder sowie Schwangere dürfen zuerst einsteigen, die Kinder erhalten ein Kindermenü (wenn auch mitunter erst auf Nachfrage bzw. nur von der einen Stewardess, nicht jedoch von der anderen).
  • Sicherheit für Kinder gewohnt schlecht. Autokindersitze oder Babyschalen haben wir in der Passagierkabine nicht gesehen, Babys saßen im Schlaufengurt auf dem Schoß der Eltern. Unser CARES-Gurt wurde vom Bordpersonal ignoriert – immerhin.
  • Standard-Kinderanimation. Beim Einsteigen bekamen unsere Kinder je einen kleinen Rucksack mit Spielsachen (Filzstifte, ein Magazin mit Aufgaben auf Englisch, ein Bastelset usw.). Für Babys und Kleinkinder war das jedoch ungeeignet. Im Multimediasystem gab es zwei animierte Spielfilme und zwei Trickfilm-Sammlungen – gerade genug Unterhaltung für einen Langstreckenflug. Auf dem Hinflug empfand ich den allen gezeigten Spielfilm als für Kinder ungeeignet, er hatte eine FSK 12. Ohne Ton mag das aber nur halb so schlimm sein.
  • Auf den Bordtoiletten gab es Wickeltische über den Toilettenbecken, erfahrungsgemäß ist das jedoch eine extrem beengte Sache. Zum Glück brauchen wir sie nicht mehr! Ob es wie bei Air New Zealand im Notfall kostenlose Windeln usw. gibt, wissen wir nicht.

 

Offene Frage: Woher stammt das schlechte Image der Aeroflot?

Noch nie haben wir vor unserem Abflug so viele mitleidige und bange Blicke bekommen. Offenbar stammt das Bild, das man in Europa von der staatlichen russischen Fluggesellschaft hat, noch aus Zeiten des Kalten Krieges. Das Stereotyp der Russen, die als herumschraubende Hobby-Ingenieure noch jede Schrottkiste zum Funktionieren bringen, wird bis heute gepflegt (zum Beispiel im Kinohit “Armageddon”).

Tatsächlich wurde die Aeroflot 1992 neu gegründet und organisiert und verfügt mittlerweile über eine Flotte von modernen Boeings und Airbus-Jets. Der letzte schwere Unfall liegt 19 Jahre zurück, im jährlich erstellten Sicherheitsranking  der JACDEC lag die Fluggesellschaft im Jahr 2011 auf Platz 35 von 60 (zum Vergleich: Lufthansa liegt auf Platz 12, Air France auf Platz 39). Diesbezüglich heißt es also: Alles roger!

 

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Kommentar als Gast schreibenKommentar (1)

  • Doktor

    Hallo,

    Aeroflot ist die ehemalige staatliche Gesellschaft und damit viel älter!

    Siehe:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Aeroflot

    Leider kommt auch hier nur ganz kurz (zu Absturz 2008) raus:

    Die international eingesetzten Flugzeuge sind die vernünftig gewarteten, da die ausländischen Flughäfen sie dort nicht landen lassen würden.

    Die Allgemeinheit zuckt bei dem Namen deshalb so zusammen, weil die damals nur in der UdSSR intern eingesetzten Maschinen gefühlt “ständig” vom Himmel fielen…

    Also kein Problem, international mit Aeroflot zu fliegen – und heutzutage wahrscheinlich auch nicht mehr vom Ural nach Sibirien.

    Antworten | 1. Dezember 2012

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