Außergewöhnliche Familien auf ReisenKidsAway Familien-InterviewEinmal um die Welt – für wenig Geld

Familie Blanke hat ein ehrgeiziges Projekt umgesetzt: möglichst viel von der Welt sehen mit möglichst wenig Geld. Ihre drei Kinder waren natürlich mit dabei. Und nach der Reise war vor der Reise – in Deutschland leben die Blankes nämlich nicht mehr …

Teil 8 von 15 der Serie Außergewöhnliche Familien auf Reisen

von KidsAway-Redaktion

Drei fröhliche Backpacker-Kids in Perito Moreno, Argentinien © Julia Blanke

Drei fröhliche Backpacker-Kids in Perito Moreno, Argentinien

© Julia Blanke

Informationen zur Reise

Reiseziel: Weltreise
Reiseroute: Thailand - Kambodscha - Vietnam - Laos - Malaysia - Indonesien - Australien - Chile - Argentinien - Paraguay - Bolivien - Peru - Brasilien
Urlaubsort: Weltreise
Reisestart: Juli 2008
Reisedauer: 1 Jahr
Teilnehmer: 2 Erwachsene, 1 Baby, 2 große Kinder
FrageKidsAway: Liebe Julia, erzähl uns doch zuerst ein wenig über eure große Reise!

Julia: Die Fakten ganz kurz: ein Jahr Weltreise durch Südostasien, Australien und Südamerika. Unsere Kinder waren beim Start zehn Jahre, sechs Jahre und ein Jahr alt. Wir haben 13 Länder bereist, in 101 verschiedenen Betten geschlafen, über 70.000 Kilometer zurückgelegt, davon rund 37.000 mit dem Flugzeug, 20.000 in öffentlichen Bussen und 135 mit dem Moped.

Als wir nach dem Jahr wieder „nach Hause“ kamen, hatten wir weder einen Job noch eine Wohnung, also haben wir unsere Sachen gleich wieder gepackt und sind weiter nach Irland gewandert, wo wir uns einen Platz zum Leben an der Südküste gesucht haben. Mittlerweile sind wir zu sechst und genießen die Gelassenheit, mit der das Leben hier vor sich hinplätschert.

 

FrageWelche Reaktionen bekamt ihr auf eure Reise – von Freunden, Familie und anderen Reisenden?

Einige unserer Verwandten waren sehr hilfsbereit, mit anderen ist die Beziehung darüber zerbrochen. Im Freundeskreis gab es diejenigen, die es klasse fanden, andere bezeichneten uns als „verantwortungslos“. Ganz ehrlich: Wir haben noch nie eine Familie getroffen, die „verantwortungslos“ mit ihren Kindern gereist wäre!

Bei anderen Reisenden gab es von superlieben Menschen bis unerzogenen jungen Rotzlöffeln alles. Unsere Devise: einfach ignorieren. Traveler-Kids werden irgendwann erwachsen, einige werden auch Kinder bekommen und sich vielleicht daran erinnern, wie sch… sie sich früher Familien gegenüber benommen haben.

 

FrageWas war schwieriger bzw. anstrengender für euch – dass ihr ein Baby dabei hattet oder dass ihr insgesamt drei Kinder hattet?

Keins von beidem. Kinder sind überall auf der Welt Kinder und so hatten wir dieselben Querelen wie zu Hause auch. Unser Geheimtipp war das Tragetuch – damit haben wir uns viel Gepäck und Stress gespart. Wirklich anstrengend war das Beschulen der beiden Großen, das unglaublich viel Zeit und Energie kostete. Die Ungewissheit, wie es nach dem Jahr wohl weitergehen würde oder könnte, belastete uns auch ganz schön.

 

FrageWie lange habt ihr euch auf die Reise vorbereitet?

Auch hier gilt: Das kommt drauf an. Wir sind mit einem halben Jahr gut hingekommen, andere planen jahrelang. Ein limitierender Faktor war vor allem das Impfen, das hat sehr lange gedauert.

 

FrageWie habt ihr es geschafft, ein Jahr lang „aus dem Rucksack“ zu leben?

Ich trage dich bis ans Ende der Welt... Mungo Nationalpark, Australien © Julia Blanke

Ich trage dich bis ans Ende der Welt... Mungo Nationalpark, Australien

© Julia Blanke

Wir hatten vier Rucksäcke dabei: 20 kg für Christian (plus 15 kg Florian auf dem Bauch), 18 bis 20 kg für mich (plus 3 bis 9 kg Wasserflaschen in der Hand), ca. 10 kg für Lydia und 3 bis 5 kg für Josua. Da war alles drin – Schlafsäcke, Isomatten, Moskitonetz, ein Kocher usw. Nur das kleine Zelt, in dem wir in Australien und Argentinien geschlafen haben, ließen wir uns erst später hinterhersenden.

Nach unserer Erfahrung brauchen Kinder gar nicht so viel Kram, das scheint mir ein von den großen Babyprodukte-Herstellern implementierter Imperativ zu sein. Es geht nicht nur ohne all die Extras, sondern es ist auch die Chance einer ganz tollen Erfahrung. Und falls wirklich mal etwas fehlt oder kaputt geht, kann man fast überall günstig Klamotten nachkaufen.

Außerdem griff hier wieder unser Geheimtipp: Statt einer großen, unflexiblen Baby-Kraxe haben wir Florian in ein Tragetuch gesetzt und Christian konnte so einen ganz normalen Rucksack „zusätzlich“ tragen.

 

FrageDu hast schon angedeutet, dass ihr eher sparsam seid – wie habt ihr das mit dem Geld gemacht…?

Wir haben für die Reise nie aktiv gespart! Das Geld hat sich von ganz allein angesammelt, weil wir im Alltag einfach nicht so viel ausgeben; wir sind ganz schlechte Konsumenten. Vorher zu wissen, was so eine Reise kostet, ist sowieso fast unmöglich. Wir haben es zu fünft für ein Jahr mit 25.000 Euro geschafft. Und da war alles drin, von Krankenversicherung bis Flügen. Das ist weniger, als man in derselben Zeit in Deutschland an Hartz 4 bekommt. Aber so zu reisen, ist halt nicht jedermanns Sache.

 

FrageWie sah denn euer Reise-Alltag aus?

Eine der größten Erkenntnisse für uns war, dass Reisen auch Alltag und Routinen bedeutet. Essen, Schlafen, Waschen, Schule! Jeder hatte seine Aufgaben, das hat sich mit der Zeit eingespielt.

Wenn wir „gereist“ sind, hieß es packen und zur Busstation laufen, hinsetzen und einer von uns Erwachsenen ging los und suchte das geeignetste Angebot für uns. Während das Gepäck aufs Dach oder unter die Sitze gequetscht wurde, quetschten wir fünf uns auf unsere drei Sitze. Während der Fahrt haben wir uns in den neuen Ort eingelesen und potenzielle Unterkünfte im Reiseführer markiert.

Am Zielort holte einer das Gepäck, während der Rest schön zusammen blieb und die Hühner sattelte. Wir waren immer die letzten, die die Busstation verließen, somit waren die meisten der aufdringlichen Taxifahrer schon weg. Dann liefen wir gemächlich in die Stadt und suchten nach einem Guesthouse. War dieses gefunden, hatten wir meist nebenher schon gesehen, wo Supermärkte, Essensstände und Wäschereien waren, so dass wir gleich wieder mit unseren Routinen weitermachen konnten. Voilá!

 

FrageWo fandet ihr es am schönsten – wenn man das so pauschal überhaupt sagen kann?

Essen, was auf den Tisch kommt: Street food in Bukittinggi, Indonesien © Julia Blanke

Essen, was auf den Tisch kommt: Street food in Bukittinggi, Indonesien

© Julia Blanke

Thailand ist gut, um zu starten, Kambodscha hat eine zweite Chance verdient, da hatten wir einfach noch nicht genug Erfahrung. Vietnam war klasse, super spannend und schön. Laos war, glaube ich, das tollste Land; so liebe Menschen! Malaysia war easy going und bestach durch sein unglaubliches Multikulti. Singapur ist eine einzige große Mall, aber lustig. Indonesien war für uns das Land des Abenteuers mit einigen Katastrophen. Australien war nach den Monaten in Asien einfach nur Urlaub: easy, freundlich, schön. Im Mietwagen mit Zelt zu reisen, war eine völlig andere Erfahrung als per Bus von Guesthouse zu Guesthouse.

Chile und Peru waren ebenfalls superfreundlich. Argentinien hat Wahnsinnslandschaften, aber die Menschen waren mit Abstand die unfreundlichsten von allen. Paraguay ist… Paraguay. Bolivien war unser Favorit in Südamerika, dort habe ich mein Herz verloren. Tja, und Brasilien? Das Land mit den krassesten Kontrasten, aber wir hatten im Jahr zuvor genug gelernt, um sicher durch Sao Paulo und Rio de Janeiro zu kommen.

Die Welt ist in diesem Jahr enorm geschrumpft und dennoch viel zu groß, um alles je gesehen zu haben. Unsere Erkenntnis: Es geht beim Reisen nicht so sehr ums Sehen, sondern ums Sein.

 

FrageWelches Land war euer Favorit für das Reisen mit Kindern?

Australien war sicher das komfortabelste Land, um mit Kindern zu reisen. Die Menschen waren unglaublich kinderfreundlich und die Infrastruktur rund um Kinder ist beeindruckend. Wir mussten nie hinter unserem Wicht herrennen, weil Swimmingpools und Spielplätze immer exzellent gesichert waren. In erstere kam er nicht rein, aus letzteren nicht raus.

Dennoch ist unser persönlicher Favorit Laos. Die Menschen waren unglaublich lieb, die Fortbewegung ist einfach, entspannt und günstig. Es gibt viele tolle Sachen zu sehen und zu machen, das Essen auf den Straßen ist herausragend.

 

FrageGibt es Länder, die ihr definitiv nicht mit Kindern bereisen würdet?

Auf jeden Fall! Kriege, Naturkatastrophen und Epidemien sind klare Kriterien, einen Besuch zu vermeiden. Wobei hier bestimmt Abstufungen bestehen und auch unterschiedliche Wahrnehmungen, wann eine Krise eine Krise ist.

 

FrageWas sind eure ganz praktischen Tipps als Reiseprofi-Eltern?

Flexibilität. Es gibt immer einen Bus, nur vielleicht eben nicht in die Richtung, in die man ursprünglich wollte. Unser Grundmotto: Wir gehen erstmal davon aus, dass die Menschen uns nichts Böses wollen. Das hat uns sehr geholfen, Menschen nicht von vornherein argwöhnisch, sondern mit einem Lächeln zu begegnen.

 

FrageGab es etwas, was euch beim Reisen mit Kindern geärgert hat?

Es gibt immer einen Bus - Bangkok, Thailand © Julia Blanke

Es gibt immer einen Bus - Bangkok, Thailand

© Julia Blanke

Geärgert hat uns gelegentlich, dass im Tourismus vieles auf Einzelreisende eingestellt ist und alles pro Person abgerechnet wird, was für Familien einfach nicht geht.

Der Hauptnachteil beim Reisen mit älteren Kindern ist aber definitiv die viele Zeit, die wir mit dem Beschulen verbringen mussten. Das hat Nerven gekostet! Wir hatten vorher nicht gedacht, dass wir auch auf der Reise so viel Zeit für „Alltag“ brauchen würden. Immer war irgendetwas zu tun und wenn nicht, waren wir einfach fertig. Darunter hat besonders Christian sehr gelitten, der sich so darauf gefreut hatte, mehr Zeit für die Kids zu haben.

Auch die Beziehung wurde auf eine harte Probe gestellt, da es so gut wie keine Zweisamkeit gab. Abends einfach mal rauszugehen, war nur sehr bedingt möglich. Reisen ist halt nicht dasselbe wie Urlaub; aber das war auch nie unsere Absicht.

 

FrageWas haben eure Kinder von der großen Reise mitgenommen?

Auf diese Frage bin ich auch sehr gespannt, wenn unsere Kinder in zehn oder zwanzig Jahren erzählen, wie sie es wirklich fanden und was wirklich hängen geblieben ist.

Wir glauben, unsere Kinder haben gelernt, dass Leben überall auf der Welt möglich ist und Alltag im Prinzip überall gleich aussieht. Direkt nach unserer Rückkehr nach Irland zu ziehen und dort in die Schule zu gehen, hat ihnen daher keine Probleme bereitet. Es war einfach ein weiteres Land, ein weiteres Abenteuer und das passte schon.

 

FrageHat die Reise auch euch Eltern verändert?

Wenn uns diese Reise der Extreme nicht verändert hat, dann haben wir entschieden zu viel Geld ausgegeben! Wir möchten gern glauben, dass wir es hier und da geschafft haben, etwas über unseren eigenen Tellerrand zu schauen. Die größte Erkenntnis ist wohl, dass die Welt einfach viel zu groß ist, um alles zu sehen, geschweige denn zu verstehen.

 

FrageWürdet ihr diese Reise im Nachhinein noch einmal machen?

Jein. Heute fällt es schon schwer, sich so eine lange Reise noch einmal vorzustellen. Wir haben hier unseren Platz fürs erste gefunden. Unsere Kids haben sich ein Umfeld aufgebaut, das wollen sie nicht wieder aufgeben. Das Gute ist ja: Wir haben keinen Druck mehr, so eine Reise wagen zu müssen, denn wir haben es schon getan.

 

FrageWas ist euer Plan für die nächsten Jahre?

Kaum zu glauben, aber wir sind mittlerweile unter die Eigenheimbesitzer gegangen und leben wohl eines der konventionellsten Lebensmodelle, das man sich vorstellen kann (selbst wir müssen zwischendurch mal ein bisschen Geld verdienen). Hätte man uns das vor ein paar Jahren prophezeit, ich hätte es für Mumpitz gehalten. Aber gehört es nicht auch zu einem kreativen Leben, möglichst unterschiedliche Modelle auszuprobieren?

 

FrageWenn eine Fee mit drei Wünschen käme: Was ist euer großer, unerfüllter Reise-Traum?

Ganz klar, die nordischen Länder. Die waren und sind immer noch viel zu teuer für uns, aber hin wollen wir auf jeden Fall. Auf dem Landweg nach Australien oder nach Südafrika sind auch zwei Projekte, die noch auf uns warten.

 

Danke für das Gespräch, Julia – wir sind gespannt, wo wir euch in fünf Jahren sehen werden!

 

WebFamilie Blanke hat ihr Hobby (teilweise) zum Beruf gemacht und nach der Weltreise ein spezielles Reise-Tragetuch entwickelt. Wer eines haben möchte, schaut am besten auf der Website backpacker-kids vorbei, wo ihr auch die lange Reise in vielen sehr persönlichen Blogeinträgen nacherleben könnt.

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Kommentar als Gast schreibenKommentar (1)

  • Wow – was für eine Erfahrung! Respekt. Auch tolle Bilder.

    Antworten | 9. November 2012

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