Außergewöhnliche Familien auf ReisenKidsAway Familien-InterviewMit drei Kindern im Lkw durch Südamerika

Von ihren Kindern haben sich die Abenteurer Thomas und Claudia noch nie am Reisen hindern lassen – im Gegenteil, dann wird es doch erst richtig spannend! Eine zweijährige Reise über den südamerikanischen Kontinent war eigentlich noch viel zu kurz, fanden Moritz, Jonas und Baby Marlies.

Teil 5 von 13 der Serie Außergewöhnliche Familien auf Reisen

von KidsAway-Redaktion

Drei Kinder, ein Kontinent - kein Problem!

Drei Kinder, ein Kontinent - kein Problem!

© Gradl/Ober

Informationen zur Reise

Reiseziel: Mittel- & Südamerika
Reiseroute: Argentinien - Bolivien - Peru - Ecuador - Peru - Brasilien - Uruguay - Chile - Argentinien
Urlaubsort: Südamerika
Reisedauer: 2 Jahre
Teilnehmer: 2 Erwachsene, 1 Baby, 2 Kleinkinder

FrageKidsAway: Woher kommt eure Reiselust?

Claudia: Thomas war Inhaber eines Paddelshops, arbeitete in einer Rafting-Firma und als „Lehrer“ für Kanufahren und Canyoning, jetzt baut und prüft er Seilgärten und Spielplätze. Wir sind natürlich schon immer gern gereist und waren meist auch sportlich unterwegs; zum Beispiel waren wir 1993/94 ein halbes Jahr lang mit den Kajaks in Chile und Argentinien.

Mit den Kindern haben wir das dann einfach weitergeführt: Mit dem kleinen Moritz sind wir im Winter drei Monate lang zum Klettern nach Spanien gefahren, in Marokko waren wir 3,5 Monate zum Bergsteigen und Reisen. Während wir mit den Jungs gepaddelt und geklettert sind, war Marlies schon im Bauch dabei. Zur ersten Vorsorgeuntersuchung bin ich damals in Marrakesch zu einem französischen Frauenarzt nahe dem Gauklerplatz gegangen…

… da erscheint die Südamerika-Reise als logische Fortsetzung. Aus welchem Grund habt ihr speziell dieses Reiseziel ausgewählt?

Thomas: Die Prämisse war, dass wir mit einem eigenen Fahrzeug unterwegs sein wollten. Es wurde dann ein geländegängiger MAN-Lkw mit Wohnkabine. Von Südamerika hatten wir bereits einen Eindruck gewonnen und haben nach dem Ausschlussprinzip entschieden: In Afrika standen Bürgerkriege und Krankheiten auf der Contra-Liste, Nordamerika können wir uns (hoffentlich) mit 80 Jahren auch noch anschauen und in Asien schreckte uns damals die politische Lage ab.

 

Wie darf man sich das Fahren in einem Lkw vorstellen?

Claudia: Unser Allrad-Ungetüm hatte 150 PS und fuhr maximal 90 km/h. Über den Verbrauch von 25 bis 50 Liter Diesel darf man heutzutage gar nicht nachdenken… Unsere „Wohnung“ auf der Ladefläche war 4,5 m lang, 2,4 m breit und 2,2 m hoch. Drin waren zwei große Doppelbetten übereinander, eine Küchenzeile mit Herd, Spüle und Kühlschrank und im „Wohnzimmer“ eine Sitzgruppe. Fernseher hatten wir keinen, auch keine Heizung, dafür eine Dusche – da lag aber meist Gepäck drin.

 

On the road

On the road

© Gradl/Ober

Eure Reise hat mehrere Jahre gedauert – wie habt ihr das organisiert?

Claudia: Die Vorbereitung dauerte ungefähr drei Monate. Aus unserer Mietswohnung mussten wir damals sowieso raus. Ich war als Gymnasiallehrerin mit Marlies im Erziehungsurlaub und Thomas hat als Selbstständiger einem Kollegen sein Geschäft übertragen. Er ist mit unserem Lkw per Frachtschiff nach Argentinien gefahren, ich habe derweil zu Hause klar Schiff gemacht und bin dann mit den Kindern per Flugzeug nachgekommen. In Buenos Aires haben wir uns nach fünf Wochen Trennung wiedergesehen.

 

Das nennen wir mal Arbeitsteilung! Wie sah denn euer Alltag auf Reisen aus?

Thomas: Das konnte ganz verschieden sein. Es gab zum Beispiel reine Camp-Tage: Da bleibt man am Camp, wäscht, spielt, liest, badet, radelt, kocht usw. Dann gab es Ausflugstage: Wir lassen unseren Lkw an einem sicheren Platz und fahren mit dem Bus, Pickup-Taxi oder gehen zu Fuß, um etwas Tolles anzuschauen: einen Nationalpark, ein Museum, ein Städtchen in der Nähe, Natur, Märkte, Menschen … Und schließlich gab es die Fahrtage: Wir essen, spielen, lesen, schlafen, hören Musik … beim Fahren. Auf die Fahrtage hätten wir alle gern verzichtet.

 

Ihr hattet ja den Vorher-Nachher-Vergleich: Worauf musstet ihr beim Reisen mit euren Kindern verzichten?

Thomas: Eingeschränkt waren wir natürlich im Sportbereich, weil wir z.B. selten zu zweit paddeln konnten. Dafür durfte jeder dann allein ein paar „Extratouren“ unternehmen, ich war Paddeln vom Titicaca-See hinunter in den Amazonas-Dschungel, Claudia besuchte die Galapagos-Inseln und hat in Brasilien Kitesurfen gelernt.

Jonas und Moritz ganz cool

Jonas und Moritz ganz cool

© Gradl/Ober

Claudia: Die Routenwahl haben wir auch familienfreundlicher gestalten müssen, und zwar aus Gesundheitsgründen: Wir wollten uns nicht länger in einem Malariagebiet aufhalten (um die Transamazonica zu fahren) und nach den Ratschlägen eines Münchener Höhenmediziners haben wir uns auch dagegen entschieden, mit der noch nicht mal einjährigen Marlies für längere Zeit über 2.500 m zu bleiben. In Südamerika ist das schon eine Herausforderung, und tatsächlich musste unser Lkw auf 4.300 m Höhe mal wieder eine Panne haben …

Puh, das klingt nach Stress. Was waren denn eure schlimmsten Erfahrungen in den zwei Jahren?

Claudia: Unser Lkw hat uns viele Nerven gekostet. Richtig sch… war ein Motorschaden, der schon nach drei Wochen an der brasilianisch-paraguayanischen Grenze passiert ist. Wir haben sozusagen eine Woche bei der Mechaniker-Familie in der Werkstatt gelebt. Die waren supernett! Als wir dann noch zwei Wochen in einem Appartement in Iguazu warten mussten, haben wir zufällig andere Reisende mit eigenem Fahrzeug getroffen, die uns wieder aufgebaut haben. Letztendlich hatten wir bei allen unseren dummen Autopannen immer wieder besondere Erlebnisse und am Ende das Gefühl, für alles eine Lösung finden zu können.

Thomas: Die Ursache für die Panne auf 4.300 m Höhe hat übrigens Moritz, unser Ältester, gefunden!

 

Strandfreuden in Südamerika

Strandfreuden in Südamerika

© Gradl/Ober

Klingt so, als wären solche Erlebnisse die eigentlichen Höhepunkte eurer Reise gewesen?

Thomas: Südamerika hat fantastische Landschaften, herzliche Menschen und erstaunliche Kulturen. Unsere eigene Erlebnisse und Erkenntnisse waren aber tatsächlich am wichtigsten für uns.

 

Würdet ihr Südamerika als Reiseziel für Familien empfehlen?

Claudia: Südamerika war für uns ideal, trotz der Einschränkungen. Es ist unheimlich flexibel: Du kannst dich ausschließlich auf touristischen Pfaden bewegen oder in Wahnsinnslandschaften weitab von jeder Zivilisation fünf Monate lang Schotterstraßen und Andenpässe fahren. Oder du bewegst dich ganz luxuriös von einem Traumstrand zum nächsten … Was Südamerika von Asien unterscheidet, ist das ähnliche Wertesystem und grundlegende kulturelle Gemeinsamkeiten. Man findet dort zum Beispiel allerorten Schwimmbäder, Zoos und sichere Spielplätze – selbst in den kleinsten Dörfern.

 

Welche Länder und Gegenden habt ihr denn auf dem Kontinent bereist?

Thomas: Anfangs hatten wir die drei „Klassiker“ Peru, Ecuador und Chile im Auge. In Ecuador konnte ich als Kanulehrer arbeiten, was gut fürs Budget war. Wir fanden es dann dort so toll, dass wir fast ein halbes Jahr geblieben sind. Das hat den Zeitplan leider ordentlich gesprengt, so dass wir die Reise kurzerhand um ein Jahr verlängert haben, um entspannt weiter durch Peru gondeln zu können. Dort haben wir die Gegend um Cuzco und das einsame Altiplano erkundet, bis uns die Anden zum Hals heraushingen. Dann hieß es Baden, Surfen und Sonnen in Brasilien. Das Eis bezahlt man dort per Kilogramm! Über Uruguay und Chile sind wir dann bis nach Patagonien gefahren, aber ganz nach Feuerland haben wir es nicht mehr geschafft – schon wieder zu lange getrödelt.

 

Haben eure Kinder von dieser Reise etwas für sich mitgenommen?

Bei den Bergbauern in Peru

Bei den Bergbauern in Peru

© Gradl/Ober

Claudia: Das kann man natürlich besonders bei den beiden Kleinen nicht so richtig sagen. Aber wir hoffen, dass sie eine gewisse Offenheit für und Neugier auf Andersartiges gewonnen haben. Die Jungs können surfen, Feuer machen und sich in neuen Situationen zurechtfinden. Das Gefühl, dass es für alles eine Lösung gibt, gibt Kindern viel innere Sicherheit. Und zu wissen, wie man einen Reifen wechselt, kann auch nicht schaden!

Thomas: Wir alle haben live gesehen, wie gut wir es in Europa haben. Das harte Leben eines peruanischen Bergbauern ist ernüchternd.

 

Was würdet ihr anderen Familien sagen, die von so einer Reise träumen?

Thomas: Fahrt los, ihr könnt nur gewinnen! Wenn wir nochmal in der Situation wären, würden es wieder genauso machen.

 

Die finanzielle Frage steht den meisten Familien im Weg. Wie habt ihr das organisiert?

Claudia: Im Durchschnitt hatten wir ein Tagesbudget von ungefähr 60 US-Dollar. Das haben wir durch Sparen, die Miete unserer Eigentumswohnung und finanzielle Reserven zusammengebracht. Praktisch war, dass Thomas unterwegs als Kanulehrer Geld verdienen konnte, während wir am Strand gefaulenzt haben … Für einige Jahre in Ecuador leben und arbeiten, das wäre toll!

 

Was ist euer Plan für die nächsten Jahre?

Claudia: Im Moment hängen wir ein wenig im Alltag fest. Thomas hat super Aufträge, die Kids geben mit ihren Freunden Gas, ich unterrichte wieder an einem Gymnasium und flicke und bastle an unserem Häuschen herum, dass es nicht auseinanderfällt. Wenn unsere Reiseträume wieder konkreter werden, geht´s wieder los.

 

Wenn eine Fee mit drei Wünschen käme: Was ist euer Reise-Traum?

Thomas: Erstmal wünsch ich mir, dass wir noch lange gesund bleiben, um viel Schönes, wo auch immer, unternehmen zu können. Dann, dass wir offen und neugierig bis ins Alter hinein bleiben. Und letztendlich, dass wir nicht verlernen, unsere Träume zu leben.

Claudia: Gern würden wir noch einmal nach Südamerika und dort für einige Jahre leben – die Kinder wären sofort dabei! Wir wollen unbedingt in den Norden Brasiliens, auf dem Amazonas verschiffen, nach Venezuela und Kolumbien… eine Strecke zwischen Brasilien und Peru finden, denn da gibt es noch keine durchgehende Straße… den Aguas-Negras-Pass fahren… nach Mittelamerika und Mexiko … und dann fehlen ja noch die anderen Kontinente …

 

Wir sind gespannt, wohin es euch als nächstes verschlägt und danken euch für das Gespräch!

 

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