UrlaubsforschungNur kein Stress: Sind Kurztrips genauso erholsam wie lange Reisen?

Da freut man sich monatelang auf den ersehnten Jahresurlaub und dann das: tagelanger Jetlag, Dauerregen statt Strand und Montezumas Rache legt die ganze Familie flach. Experten empfehlen dagegen: öfter mal Kurzurlaub machen!

von KidsAway-Redaktion

Besonders Eltern mit Babys finden im Urlaub schwer Erholung © detailblick - Fotolia.com

Besonders Eltern mit Babys finden im Urlaub schwer Erholung

© detailblick - Fotolia.com

Erstaunlich, was Stressforscher vor einiger Zeit in einer Studie herausgefunden haben wollen: Die Länge eines Urlaubs spielt keine Rolle, wenn es darum geht, wie erholsam die Reise für alle Beteiligten ist. Im Gegenteil: Fernreisen an exotische Reiseziele erzeugen gerade für Familien mit kleinen Kindern oft zusätzlichen Stress und körperliche, aber auch psychische Belastungen.

 

Pro und contra Kurzreisen

Denkt man darüber nach, klingt das plausibel: Schon die Vorbereitung, von der Recherche nach Flugtickets über eventuell zu beantragende Visa bis zum Impfprogramm, über dessen Kosten man dann noch mit der Krankenkasse verhandeln darf, ist hier enorm aufwendig. Viele Punkte sind schon weit im Voraus zu erledigen und zu bedenken.

Vor Ort wird es meist nicht einfacher: Fremde Eindrücke, fremdes Essen und fremde Gepflogenheiten sind spannend und bereichern den Horizont, von Kindern (und Eltern!) verlangen sie aber unter Umständen eine große Anpassungsleistung, Geduld und Toleranz. Nicht alle Familien schaffen das locker und mit links – nicht umsonst wird häufig vor dem Kulturschock gewarnt.

Wer wirklich erholt von einer Fernreise zurückkehren will, muss all dies einkalkulieren. Zieht man die Urlaubstage ab, in denen man mit Anreisen, Akklimatisieren, Jetlag überwinden, sich an das Essen und die fremde Kultur gewöhnen muss, bleiben oft nicht mehr als zwei Wochen – in denen viele dann sich und ihre Familie mit viel zu vielen Aktivitäten und Unternehmungen überfordern.

Carmen Binnewies, Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Münster, ist daher sicher: Die Länge eines Urlaubs sei nicht entscheidend, „auch Kurzurlaube und Wochenendtrips bringen schon Erholung“.

Die Psychologin Jessica de Bloom unterstützt diese Aussage: Es sei die Häufigkeit von Urlaubsunterbrechungen, nicht die Dauer, die eine dauerhafte Erholungswirkung habe. Eine große Entfernung zwischen der Heimat und dem Urlaubsziel helfe zwar dabei, vom Alltag abzuschalten und kleine Sorgen hinter sich zu lassen, der Zeitunterschied könne aber den Körper so belasten, dass der Erholungseffekt des Urlaubs schon während der Reise verfliegt. Eine Studie aus dem Jahr 2000 zeigte denn auch, dass jährliche Urlaubsreisen (egal welcher Länge) das Risiko von Herzkrankheiten um ein Drittel reduzierten.

Angesichts dieser Ergebnisse erscheint es schon verwunderlich, dass das deutsche Arbeitsrecht Arbeitgeber verpflichtet, ihren Angestellten einen zusammenhängenden Jahresurlaub von mindestens zwölf Tagen zu gewähren – alles andere sei der Erholung nicht zuträglich, weil der Entspannungseffekt einer Reise erst nach zwei bis drei Wochen eintrete, meint Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund.

Der Trend geht sowieso zur Verkürzung des Urlaubs: Haben die Deutschen Anfang der 1980er-Jahre im Durchschnitt noch 18 Tage Urlaub am Stück genommen, ist diese Zahl bis 2010 auf 13 Tage gesunken. Und mit dem Trend zur ständigen Erreichbarkeit über Handy und E-Mail sinkt die Urlaubsdauer noch stärker: Zwei Drittel der Angestellten sind auch im Urlaub beruflich erreichbar, und auch wenn das Handy am Strand ausgestellt wird, sind die meisten Menschen spätestens drei bis vier Tage vor der Heimreise wieder in Gedanken bei der Arbeit.

 

Das Erholungsbedürfnis hängt vom Lebensstil ab

Es kommt nicht auf die Länge eines Urlaubs an... © Pavel Losevsky - Fotolia.com

Es kommt nicht auf die Länge eines Urlaubs an...

© Pavel Losevsky - Fotolia.com

Echte Erholung kann eben verschiedenes bedeuten: Die einen brauchen einfach mal einen freien Kopf und andere Gedanken. Um Stresshormone wie Kortisol abbauen zu können, genügen dem Körper dann einige Tage mit erhöhter sportlicher Aktivität. Wer einen geregelten Alltag in Beruf und Familie hat, der blickt der Zeit nach dem Urlaub gelassen entgegen und genießt jede kurze Auszeit für das, was sie darstellt.

Anders ist es, wenn man durch Arbeit und Familienalltag so richtig erschöpft ist und vielleicht sogar kurz vor einem Burnout steht: Dann ist auch „mentale Erholung“ nötig und der schönste Kurztrip nützt gar nichts, wenn man weiß, dass die Tretmühle in wenigen Tagen sowieso wieder anspringen wird. Schichtarbeiter wie Krankenschwestern, aber auch Mütter mit kleinen Kindern sind ein gutes Beispiel für diese Bedürfnis-Gruppe.

Schließlich ist Erholung wie so vieles andere auch eine Frage des Geldbeutels: In einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2010 fühlten sich Menschen mit Einkommen unter 1.500 Euro direkt nach ihrem Urlaub dreimal so häufig gar nicht erholt wie Menschen mit Einkommen über 3.000 Euro. Ob das an der Art des (günstigeren) Urlaubs liegt oder daran, dass man schon wieder mit Finanzsorgen aus dem Urlaub heimkehrt?

Und: Auch wenn der Urlaub perfekt war und ihr frisch und erholt zurückkehrt, hält dieser Effekt höchstens acht Wochen an – die Mehrheit der Urlauber ist schon zwei Wochen nach ihrer Rückkehr wieder auf dem Zufriedenheitsniveau vor ihrer Abreise, egal wie lang oder kurz ihr Urlaub war.

Noch schlimmer geht es Schulkindern: Eine Metastudie aus dem Jahr 1996 ergab, dass Schülerinnen und Schüler in den USA schon nach vier Wochen Sommerferien wieder auf den Lernstand des Frühjahrs zurückgefallen waren. Je älter die Kinder waren, desto größer wurde dieser „Rückfall“.

 

Richtig erholen in kurzer Zeit

Bewegung schafft Erholung! © rcaucino - Fotolia.com

Bewegung schafft Erholung!

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Für eine gute Erholung ist also nicht die Länge des Urlaubs entscheidend, sondern vielmehr, wie man die Urlaubszeit gestaltet und erlebt: Ein Mix aus Entspannung, kulturellen und sportlichen Aktivitäten wird von Stressforschern wie Binnewies empfohlen, um die Anspannung des Alltags und des Arbeitslebens abzulegen und gestärkt aus dem Urlaub zurückzukehren.

Besonders vorteilhaft ist es, wenn man im Urlaub etwas neues lernt oder etwas schafft, was man sich schon lange vorgenommen hatte – gemeinsam mit den Kindern ein Lagerfeuer machen, mal wieder schön essen gehen oder einen Berg besteigen etwa. Das Schöne: All das könnt ihr auch an einem langen Wochenende machen, eine lange Reise ist dafür gar nicht nötig.

Prof. Dr. Froböse von der Sporthochschule Köln hat einen interessanten Tipp: Erholsamer als die überhitzte Luft am Strand ist kühles, frisches Bergklima. Hier sind auch Feinstaub- und Ozonbelastung im Sommer viel niedriger und erlauben wesentlich aktivere Ferien. Die Höhe der Berge regt den Kreislauf an und führt dazu, dass mehr rote Blutkörperchen produziert werden – man kehrt also nicht nur geistig erholt, sondern physisch fit aus dem Urlaub zurück.

Neben einer guten Vorbereitung auf die Reise ist laut Stressforscherin Binnewies auch die Planung der Tage danach enorm wichtig, um sich während der Urlaubstage wirklich erholen zu können: Am Arbeitsplatz, aber auch zu Hause sollte alles so zurückgelassen werden, dass keine Arbeitsberge warten. Anstehende Aufgaben sollten so weit wie möglich delegiert werden, Termine (auch für die Kinder!) erst einige Tage nach der Rückkehr aus dem Urlaub gelegt werden.

Statt Wäscheberge mitzubringen, könnt ihr schon im Urlaub den Wäscheservice des Hotels in Anspruch nehmen. Und das Chaos, das ihr bei der Abreise zu Hause mit Sicherheit hinterlassen habt, kann ohne Probleme eine Putzfee oder ein Freund mit Zweitschlüssel beseitigen – dann tretet ihr braungebrannt und erholt in eine saubere Wohnung und könnt gleich damit beginnen, die Urlaubsfotos zu sortieren.

Einen wichtigen Rat haben auch die Psychologinnen Jana Kühnel und Sabine Sonnentag, die 2011 Lehrer nach zwei Wochen Ferien befragten: Der Erholungseffekt des Urlaubs war am schnellsten dahin, wenn die Lehrer danach unter hohem Zeitdruck standen und sich viel ärgern mussten. Kleine Pausen während der ersten Arbeitswoche und viel Zeit mit dem Partner halfen dagegen, das Urlaubsgefühl wach zu halten.

 

Fazit: Urlaub besser lang, besser kurz oder gar nicht?

Sollte man den Jahresurlaub also abschaffen und lieber mehrere Kurztrips pro Jahr machen – sowie im Alltag bewusst auf mehr Pausen achten? Die niederländische Psychologin Jessica de Bloom ist nachdenklich: „Ich überlege in letzter Zeit auch manchmal: Wäre es vielleicht besser, gar nicht mehr in den Urlaub zu fahren, dafür aber jeden Tag zwei Stunden weniger zu arbeiten?“

 

Was meint ihr – werden der Jahresurlaub und die lange Sommerpause überbewertet? Wie lange reist ihr am liebsten?

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