KidsAway-FamilieninterviewElternzeit auf der Panamericana: 27.000 Gründe für eine Auszeit mit Kind

Tim, Steffi und der drei Jahre alte Jonas sind mit einem Campingbus sechs Monate lang durch Südamerika gefahren – 27.000 km. Ein nicht ganz alltäglicher Familienurlaub!

von KidsAway-Redaktion

Seite 2/2 6 Monate Südamerika in der Elternzeit - so war es unterwegs

FrageBeschreibt doch bitte einen ganz normalen Tag „on the road“ bei euch.

Haushaltspflichten auf Reisen: Campervan waschen © Tim Voges

Haushaltspflichten auf Reisen: Campervan waschen

© Tim Voges

Gegen 7:30 Uhr werden alle wach. Nicht nur, weil Jonas aktiv wird, sondern auch weil die Sonne auf den Camper scheint und wir alle gespannt auf den Tag sind. Den ersten Kaffee vom Gaskocher gibt’s noch im Bett, dann wird aufgestanden. Zum Frühstück gibt’s Müsli, das ist praktischer, als Brötchen und Aufschnitt zu organisieren.

Vor dem Aufbruch gibt es nicht viel zu packen, es muss nur alles „rüttelsicher“ verstaut werden, damit auf den Schotterpisten nichts herumfliegt. Nach einem kurzen Check des Autos (Batterie, Reifendruck, Flüssigkeitsverlust) und einem Blick auf die Karte geht’s dann los.

Unser Tagesschnitt lag bei etwa 200 km, was aber durch den Straßenzustand und viele Pausen dennoch tagesfüllend sein kann. Unterwegs halten wir, wo es uns gefällt, wandern, beobachten Tiere oder legen uns in die Sonne. Bei längeren Stopps versuchen wir, unser Mobil „bewacht“ zu parken, zum Beispiel auf Hotelparkplätzen, in Höfen oder auch mal im privaten Garten.

Gegen Nachmittag suchen wir einen schönen Stellplatz für die Nacht. Hier haben wir gelernt, frühzeitig Ausschau zu halten, oft dauert das nämlich länger, als man denkt. Abends wird in der Bordküche gekocht (Jonas hilft selbstverständlich) oder ein Asado (Grillen in argentinischen Dimensionen) veranstaltet, ein Hörbuch gehört und mit einem argentinischen Quilmes-Bier auf den Tag angestoßen. Und während Frau und Kind schon schlafen, schreibe ich Tagebuch, pflege die Website, sichere die Fotos des Tages und plane den nächsten Tag. Gute Nacht!

 

FrageWelche Stationen eurer Reise waren für euch am schönsten/beeindruckendsten? Worauf habt ihr verzichtet oder verzichten müssen?

Das können wir so gar nicht sagen. Am beeindruckendsten war das Gesamterlebnis, so viel Zeit mit der Familie verbringen zu können und 24 Stunden, ein halbes Jahr lang, ausschließlich das tun zu können, wonach einem der Sinn steht.

Natürlich gab es auch besonders faszinierende Momente. Zum Beispiel als wir hautnah (und klatschnass) an den Iguazú-Fällen standen, wo die gewaltigen Wassermassen so laut tosen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Oder auf dem trockenen Salzsee Salar de Uyuni – gleißendes Weiß in alle Himmelsrichtungen bis zum Horizont. Da fühlt man sich wie der einzige Mensch auf Erden. Oder eine sternklare Nacht im dünn besiedelten Südchile – wir sahen den tollsten Sternenhimmel unseres Lebens. Oder Ushuaia, die „südlichste Stadt der Welt“ am südlichsten Zipfel Südamerikas. Dort herrscht eine besondere Stimmung, denn jeder, der dorthin kommt, ist auf einer besonderen Reise.

Wegen des Kindes verzichtet haben wir auf Malariagebiete (zum Beispiel den Amazonas) und Adventure-Sport wie Rafting oder Tauchen. Aus Zeitgründen mussten wir auf Ecuador und Kolumbien verzichten. Wir hatten aber nie das Gefühl, irgendwas zu verpassen.

 

FrageUnd was fand Jonas am schönsten?

Füße nass machen im Atlantik © Tim Voges

Füße nass machen im Atlantik

© Tim Voges

An der südlichen Atlantikküste Argentiniens gibt es eine große Insel namens Peninsula Valdes. Sie ist über eine dünne Landzunge mit dem Festland verbunden, so dass man mit dem Camper hinfahren kann. Auf der Insel gibt es ein kleines Dörfchen, ansonsten nur Natur. Dort haben wir Schlangen, Gürteltiere, große Pampas-Hasen, Seelöwen und mächtige See-Elefanten gesehen.

Das absolute Highlight waren jedoch die Orcas und Buckelwale, die wir hier beobachten konnten. Die Orcas werden bis zu 15 m groß und schwimmen in Gruppen auf den Strand zu, um unvorsichtige Seelöwen zu jagen. Dies hautnah mitzuerleben, hat Jonas tief beeindruckt. Noch heute erzählt er diese Geschichte im Kindergarten.

 

FrageGab es auch Dinge, die euch überhaupt nicht gefallen haben?

Klar, die gab es auch. Das fängt damit an, dass wir mit europäischer Erwartung an Pünktlichkeit und Effizienz unseren Campingbus beim argentinischen Zoll abholen mussten. Das kann schon mal fünf Tage und siebenundzwanzig Formulare dauern.

Insgesamt wird sehr viel kontrolliert – an den Grenzen, aber auch innerhalb der Länder an Streckenposten. Oft verlangen die Polizisten dann ein wenig „Wegezoll“, der mit Sicherheit in die eigene Tasche wandert. Uns hat es nicht oft erwischt, weil wir den Kinderbonus hatten. Pässe sollte man aber immer nur als laminierte Farbkopie, nie als Original rausgeben, sonst hat die Polizei (oder der, der sich dafür ausgibt) leichtes Spiel!

Man muss auf jeden Fall die europäischen Erwartungen ablegen. Bei uns passierte das eine Woche nach der Ankunft ganz von selbst. Dann lebt es sich sehr entspannt, immer mit der Einstellung „mañana, vielleicht“.

Manche Orte haben uns auch nicht gefallen, das liegt aber häufig eher an der Stimmung, in der man ankommt und nicht so sehr an den Orten selbst. Vielleicht hatte ich gerade versehentlich eine SD-Karte mit Fotos gelöscht und dazu regnete es in Strömen. Der Ort des Geschehens hatte es dann schwer…

So eine Situation erlebten wir in Potosí in Bolivien. Es war schon spät und dunkel und wir hatten noch keinen Nachtplatz. Die dreckige, laute, chaotische Minenstadt Potosí kam immer näher, was die Chancen auf einen idyllischen, einsamen Stellplatz nicht erhöhte. Schließlich übernachteten wir an einer Tankstelle, an dem Tag und Nacht Minen-Lkw betankt wurden. Zur Krönung warnte uns eine alte Frau eindrücklich, wie gefährlich es hier sei. Warum, haben wir leider wegen unserer geringen Spanischkenntnisse nicht verstanden. Da schliefen wir dann entsprechend unentspannt.

Auf der ganzen Reise ist aber nichts passiert!

 

FrageHabt ihr von eurer Reise etwas „gelernt“?

Südamerika mit kleinen Kindern? Kein Problem! © Tim Voges

Südamerika mit kleinen Kindern? Kein Problem!

© Tim Voges

Ich denke schon. Die Erlebnisse und Erfahrungen sind Teil unserer Persönlichkeiten geworden und rücken vieles in ein neues Licht. Zum Beispiel, dass man auch große Projekte umsetzen kann, wenn man wirklich will. Zum Beispiel, dass neben dem engagierten Berufsleben auch eine Elternzeit ungemein bereichernd ist. Zum Beispiel, dass nicht immer alles perfekt sein muss, sondern manches auch „südamerikanisch improvisiert“ gelöst werden kann. Und das gute Gefühl, einen großen Traum verwirklicht zu haben.

Für uns als Familie war es natürlich eine tolle gemeinsame Zeit. Noch heute erzählen wir oft zu dritt von den Erlebnissen und Jonas behält diese durch unsere Fotos und Tagebücher trotz seines jungen Alters in Erinnerung.

Auch wir hatten in der Planungsphase so unsere Zweifel, ob das alles überhaupt wirklich geht. Jetzt wissen wir: Es geht, ziemlich problemlos. Das wäre auch meine Ermunterung an alle, die von Ähnlichem träumen: Macht es!

 

Weitere Berichte, Tipps zur Vorbereitung und auch die Möglichkeit zu Fragen an Tim findet ihr auf der Website zur Südamerika-Tour: www.tresviajantes.com (spanisch „Die drei Reisenden“).

Lesetipps: Aus den besten Aufnahmen der Reise hat Tim einen Bildband gemacht. Wenn ihr mehr über den Campervan-Aspekt der Reise lesen wollt, dann kauft euch die aktuelle Ausgabe des „CamperVans“-Magazins und lest die Titelstory!

 

FrageWelchen Reisetraum erfüllt ihr euch als nächstes?

Diese Reise wirkt immer noch nach. Aber natürlich gibt es immer einen nächsten Traum! Zum Beispiel Neuseeland im Camper. Oder, wenn ich noch ein Stück weiterträume, eine Weltumrundung, die Kanada und die Südsee beinhaltet.

 

Wir danken dir für das ausführliche Interview, Tim – und sind gespannt, wohin es euch als nächstes verschlägt!

 


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Kommentar als Gast schreibenKommentar (1)

  • Uwe Kampfer

    sehr beeindruckend. Und sehr engagiert!

    Antworten | 6. Mai 2015

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