RezensionAlles bleibt anders: Mit Kindern auf Abenteuer-Reisen

Ein ehrliches und gleichzeitig spannendes Buch über das Reisen mit Kindern, voller lesenswerter Reiseideen, das sofort Fernweh und Wanderlust weckt - so etwas findet man auf dem deutschen Buchmarkt selten. Unsere Redakteurin Jenny Menzel hat das neue Buch von Regina Stockmann gelesen und ist sehr angetan.

von KidsAway-Redaktion

"Alles bleibt anders" von Regina Stockmann © Naturzeit Verlag

"Alles bleibt anders" von Regina Stockmann

© Naturzeit Verlag

Reisen mit Baby und Kleinkind? Mit kleinem Budget, großen Träumen und dem Willen, die Welt auf eigene Faust zu entdecken, so wie man es auch ohne Kinder schon gemacht hat?

Regina Stockmann ist Reiseprofi: Wandern, Paddeln und Fernreisen sind für sie nicht nur Hobby, sondern Beruf.

Regina Stockmann reist daher natürlich auch mit ihren zwei Kindern. Und obwohl sie das sicherlich tun könnte, präsentiert sie sich nicht als Vorzeigemutter, die mit perfektem, stets durchschlafenden und zwischendurch gut gelaunten Tragebaby locker-flockig um die Welt tourt.

Nein, Regina Stockmann und ihr Mann Lars zeigen sich in diesem Buch als ganz normale Eltern, die ihre Lust am Reisen nicht an der Kreißsaaltür abgeben wollten. Dass das Wandern mit Baby, das Schlafen mit zwei Kleinkindern im Campingbus oder nächtliche Fährfahrten ohne eigene Kabine sich dann doch schwieriger herausstellten als gedacht – das kennen wir Reise-Eltern zur Genüge, und so erwischte ich mich bei der vergnüglichen Lektüre öfters beim Schmunzeln und Nicken.

Oh, die vielen frühen Sonnenaufgänge, während rings um uns herum noch alle Mit-Camper selig schlafen durften! Die angefangenen Wanderungen, die wegen nölender Kinder abgebrochen oder extrem abgekürzt werden mussten! Und die wunderschönen Wildcamping-Stellplätze, die für Krabbelkinder einfach zu gefährlich sind – weshalb man dann doch zähneknirschend auf die teuren Campingplätze ausweichen muss, wo halt auch alles viel bequemer ist.

 

Nichts klappt wie zu Hause, und das wird den ganzen Urlaub lang so bleiben.

 

Das mochte ich an Regina Stockmanns Buch am meisten: Mit schonungsloser Offenheit und Ehrlichkeit erzählt sie von ihren Familienreisen mit zwei kleinen Kindern, und sie lässt dabei nichts weg. Sizilien ist ein tolles Reiseziel, aber wenn das Baby keine Nacht durchschläft, bekommen die frischgebackenen und völlig übermüdeten Eltern davon leider wenig mit. (Herrliche Passage: „Wir fühlen uns ein bisschen wie Zombies, die grobschlächtig durch ihren Urlaub stampfen…“)

Babytragen sind eine tolle Möglichkeit, mit kleinen Kindern genau wie früher stundenlang über Stock und Stein zu wandern – aber wenn die Insassen lauthals protestieren, wird aus der Theorie dann doch keine Praxis. Schließlich die berühmte „Machtprobe“: Wir alle haben es in unserer Verzweiflung schon einmal probiert, das trotzende Kind einfach stehenzulassen und weiterzugehen – es wird uns doch sicherlich bald hinterherlaufen? Nein, wird es nicht.

Und irgendwann sitzen selbst die größten Wanderfreaks halt doch am kinderfreundlichen Sandstrand, freuen sich über die planschenden Kinder und genießen endlich mal fünf Minuten Zeit für sich.

Reisen mit kleinen Kindern heißt eben in der Mehrzahl der Fälle nicht, dass man weitermachen kann wie vorher. Wir Eltern müssen unsere bisherigen Reise-Routinen umstellen. Wir müssen neu planen, und dabei (viel) Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kleinen nehmen. Wir müssen erkennen, dass manche Dinge (erstmal) nicht mehr gehen, dass das Reisen teurer wird und dass es mit Erholung für Mama und Papa nicht mehr viel zu tun hat.

 

Mist. Warum sind alles immer nur Phasen??

 

Wieso Regina und Lars trotzdem immer wieder aufbrechen, nach Marokko, Norwegen, Südafrika? Weil es eben immer auch die anderen Situationen gibt: Wenn das Baby am Campingplatz in Kroatien seine ersten Schritte macht. Wenn die Wanderstrecke so abwechslungsreich ist, dass der Dreijährige sie ganz unbemerkt komplett allein läuft. Wenn die Kinder gemeinsam im flachen Meer spielen und man zum ersten Mal nicht wie ein Luchs aufpassen (oder mitspielen) muss.

 

„Alles bleibt anders“ beim Reisen mit Kindern

 

Wenn das Fernweh beim Radeln zur Arbeit so unerbittlich zuschlägt, dass man einfach Flüge buchen muss. Und natürlich, wenn man gemeinsam Ziele erreicht, auf die man unheimlich stolz ist: die Hüttenwanderung trotz angeknackstem Fuß, der spontane Aufstieg auf den Olymp, die Wüstentour im Campingbus.

Auf diese und noch viel mehr kurze und längere Reisen nimmt Sabine ihre Leser mit, und zwar so gründlich, dass man nach der Lektüre wirklich das Gefühl hat, man sei selbst dabei gewesen.

Dazu tragen die vielen schönen und sehr privaten Farbfotos ein großes Stück bei, aber auch die schonungslos ehrlichen und sehr privaten, manchmal fast tagebuchartigen Einträge. Jeden Familienurlaub der Stockmanns, von der Babyzeit des großen Bruders bis zu den Reisen mit zwei Schulkindern, von der Drei-Tage-Pause in der Lüneburger Heide bis zu den fünf Wochen in Marokko, kann man auf knapp 260 Seiten nacherleben.

 

Die Reiseziele der Stockmann-Familie im Buch:

  • Sizilien
  • Elba
  • Kroatien/Sardinien
  • Südfrankreich
  • Marokko
  • Provence/Sardinien/Korsika
  • Griechenland
  • Gran Canaria
  • Norwegen
  • Südafrika
  • Italien
  • Kanutour in Frankreich

 

Meckerecke: Was mir gefehlt hat

Was ich mir von diesem Buch gewünscht hätte: mehr Übersicht.

So dicht, wie dieser „Erlebnisbericht“ aufgebaut ist, bleibt einem eigentlich nur die Wahl, von vorn nach hinten alles durchzulesen. Einen kleinen Anhaltspunkt, wohin die aktuelle Reise führt, bekommt man in den (sehr hübsch gestalteten) Kopfzeilen der Kapitel, die ansonsten zwar witzig, aber weniger informativ betitelt sind.

Auch das Inhaltsverzeichnis hilft kaum weiter, wenn man schnell wissen will, ob die Familie denn auch mal in Asien war oder wo man Informationen zu Kanutouren findet. Und einen Index – enorm hilfreich bei der Suche nach konkreten Reisezielen, aber auch Stichworten wie Windeln, Wildcamping oder Kanu – suche ich auch vergebens.

Perfekt wäre eine Karte zu jedem Kapitel gewesen, denn immerhin sind Regina und ihr Mann ausgesprochene Roadtrip- und Wanderfans. Eine Visualisierung ihrer Reiserouten wäre für mein eigenes Fernweh enorm hilfreich – denn die eine oder andere Reiseidee aus dem Buch finde ich spontan extrem spannend.

Und wenn es nicht zu einzelnen Karten reicht, dann bitte in der 2. Auflage wenigstens eine große Karte am Ende des Buches, auf der die einzelnen Reisen übersichtlich zu finden sind!

Schließlich möchte ich noch ein kleines bisschen am Format des Buches herumkritteln: Die Seiten sind zwar auf wunderbar glattem, weißem Papier gedruckt (wie sieht es da mit der Umweltbilanz aus, lieber Naturzeit Verlag?), aber weil sie sehr schmal sind – kaum breiter als ein Kindle –, lässt sich das Buch irgendwie schlecht blättern.

All das sind aber nur Kleinigkeiten, die nicht davon ablenken sollen, dass ihr hier einen echten Schatz in der Hand haltet: Regina Stockmann hat ein ganzes Bündel von Familien-Reisegeschichten geschrieben und in ein Buch gepackt, die nicht nur hervorragend geschrieben und gestaltet sind, sondern eben auch enorm abwechslungsreich.

Ob Wandertouren in Griechenland und Italien, Kanureisen durch Frankreich oder Campervan-Trips durch Marokko, all das sind Reiseziele, die jede Familie mit Wanderlust problemlos „nachreisen“ kann.

Muss es wirklich die Fernreise ans andere Ende der Welt sein, muss die Wanderung unbedingt durch den Himalaya führen oder muss man für ein ganzes Jahr aussteigen, um etwas Lesenswertes berichten zu können? Regina Stockmann und ihre Familie haben darauf (bisher) verzichtet. Und trotzdem schaffen sie es, auch in den Zeiten der Instagram-Selbstdarstellung und Selbstüberbietung ihre ganz „normalen“ Familienurlaube so spannend zu gestalten, dass wir beim Lesen mitfiebern und mitlachen können.

So ein Buch findet man nicht allzu oft!

 

Mehr von Regina Stockmann – und mehr zum Reisen mit Kindern

Regina Stockmann ist übrigens nicht nur Hobbyschreiberin, sondern auch und vor allem Autorin diverser Outdoor-Reiseführer. Dass sie ihre Familienreisen fleißig zu Recherchezwecken genutzt hat, bemerkt man nicht nur an den vielen Details in ihren Berichten – da wird in einem Nebensatz erwähnt, wie eng es in der Fährkabine war, was die Kinder in den kalten Nächten im Campervan trugen oder wie viele Stufen man sich hinauf auf den Olymp schleppte.

Wer noch genauer wissen will, wie das Reisen und Wandern in Korsika, Sardinien oder Südfrankreich mit Kindern funktioniert oder was man auf der Mecklenburgischen Seenplatte als Familie erleben kann, für den gibt es mehrere topaktuelle „echte“ Reiseführer aus dem Naturzeit Reiseverlag.

Die werde ich mir gleich mal zulegen…

 

Buch-Infos

„Alles bleibt anders. Mit Kindern auf Abenteuer-Reisen. Ein Erlebnisbericht“ von Regina Stockmann, Naturzeit Reiseverlag, Februar 2017, ISBN 978-3944378121, 264 Seiten mit vielen Farbfotos, 15,90 Euro über Amazon

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