Couchsurfing mit Kindern„Passivreisen“ – eine tolle Idee für Familien!

Familien aus anderen Ländern beherbergen – dabei lernt man viel über fremde Kulturen und schließt überraschende Freundschaften. Lena hat uns von ihren Erfahrungen als Couchsurfing-Gastgeberin berichtet.

von KidsAway-Redaktion

family4travel beim Couchsurfen in Antwerpen

family4travel beim Couchsurfen in Antwerpen

© family4travel

Über Couchsurfing als eine Möglichkeit, sehr günstig zu reisen, wurde in letzter Zeit viel berichtet. Wer bei Fremden zu Gast ist, der sollte im Gegenzug auch offen für eigene Gäste sein, das ist der Grundgedanke des Couchsurfings. Daraus hat Reisebloggerin Lena ihre eigene Philosophie entwickelt: Gäste aus anderen Ländern und fremden Kulturen aufnehmen, das ist schließlich auch eine Form des Reisens – eben „passiv reisen“.

 

Frage Warum habt ihr euch als Couchsurfing-Gastgeber angemeldet?

Lena: Früher wohnten bei uns zu Hause auch immer mal wieder Austauschschüler, Au-Pairs, Sänger auf internationaler Chorreise, Freunde und die Freunde von Freunden. Als ich zum ersten Mal von Couchsurfing hörte, meldete sich deshalb prompt der Gute Mensch in mir und sagte: „Ist doch eine nette Idee, auch Leuten auf der Durchreise eine Unterkunft zu bieten.“

Da das Schaumburger Land aber eher als touristischer Geheimtipp zu bezeichnen ist, meldete sich zwei Jahre lang erstmal gar keiner.

 

Frage Kennt ihr (viele) andere Familien, die das machen?

Inzwischen ja. Über das Couchsurfing-Portal kann man eine Extra-Gruppe finden, die sich „Family welcome“ nennt. Im dazugehörigen Forum tauschen sich Familien über ihre Erfahrungen aus und bahnen Kontakte für zukünftige Reisen an. Es ist schwer zu sagen, wie viele Familien es bei Couchsurfing gibt, weil kein Zwang besteht, dieser Gruppe beizutreten. Eingetragene Mitglieder hat sie jedenfalls weltweit aktuell 9286, und Deutschland ist stark vertreten.

Persönlich kennengelernt haben wir in den vergangenen vier Jahren bisher – lass mich nachzählen – 28 Familien, wenn ich niemanden vergessen habe. 17 Familien in 13 Ländern haben wir besucht. Und immerhin elf Familien waren bei uns. Zwei davon haben wir wiederum einen Gegenbesuch abgestattet. 

 

Frage Wie lange praktiziert ihr das „Passivreisen“ als Familie schon?

2007 habe ich uns eingetragen, aber erst 2009 kam die erste Anfrage. Das war eine Familie aus Ungarn mit einem damals dreijährigen Jungen. Der Vater arbeitete für ein paar Jahre in Stuttgart, bei der Gelegenheit wollten sie sich auch Norddeutschland ein wenig ansehen.

Als sie zu uns kamen, stimmte die Chemie sofort. Es war, als seien alte Freunde zu Besuch. Kata hat mir gezeigt, wie man echtes ungarisches Gulasch kocht und Georg hat den Jungs ungarische Lieder auf der Blockflöte vorgespielt. Total toll! Wir halten immer noch losen Kontakt und irgendwann schaffen wir es hoffentlich mal, sie in Budapest zu besuchen.

 

Frage Wie kann man sich das „Gastgeben“ vorstellen – man kennt doch die Gäste gar nicht?

Jedes Mitglied hat ein detailliertes Profil bei Couchsurfing, auf dem es sich und alle Mitreisenden beschreibt. Wie die meisten, nehmen wir nur Anfragen von Leuten an, die sich vernünftig vorstellen und auch ein paar Fotos zeigen – schließlich möchte man schon wissen, wer da zu einem nach Hause kommt. Nach jedem Besuch hinterlassen Gast und Gastgeber sich gegenseitig Referenzen, die ebenfalls auf dem Profil erscheinen, so ähnlich wie bei Ebay. Dinge wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten und andere Eigenheiten müssen natürlich auch im Vorfeld geklärt werden.

Die Details des Besuchs bespricht man sowieso vorher per E-Mail. Da frage ich dann auch schon nach den Erwartungen und Vorstellungen. Sind sie nur auf der Durchreise oder gibt es etwas bestimmtes, das sie in dieser Gegend sehen wollen? Wofür interessieren sich die Kinder? Meistens weiß man dann schon ganz gut, was auf einen zukommt.

 

Frage Was sagen eure Kinder zu den Gästen – könnt ihr einschätzen, was sie aus diesen Erfahrungen mitnehmen?

Moment, da frag ich doch gleich mal Silas, meinen Sechsjährigen, der gerade neben mir sitzt. Er sagt: „Uns Kindern bringt Couchsurfing, dass wir andere Leute kennenlernen. Man erfährt, was sie spielen und wie sie leben. Wir müssen zwar immer ein Kinderzimmer hergeben, wenn Couchsurfer kommen, aber solange sie nur eines von den beiden beanspruchen, ist das eigentlich nicht schlimm. Es wäre gut, wenn jetzt welche hier wären. Weil Janis grad beim Judo ist, und wenn jetzt Couchsurfer da wären, dann hätte ich immer noch wen zum Spielen. Das wäre schön. Wenn die eine andere Sprache sprechen, ist das meistens kein Problem. Wenn sie auch Englisch verstehen, kann ich ein bisschen mit ihnen sprechen. Wenn nicht, dann geht es mit Zeichensprache.“

Die Kinder nehmen wirklich enorm viel aus diesen Begegnungen mit. Es motiviert sie, Englisch zu lernen und gleichzeitig zeigt es ihnen, dass es nicht darauf ankommt, die Wörter des anderen zu verstehen, um miteinander spielen zu können. Eine meiner schönsten Couchsurfing-Erinnerungen ist, als Janis mit einer kleinen Französin Playmobil spielte: Das deutsche Männchen sprach Deutsch, das französische antwortete auf Französisch, keiner verstand ein Wort des anderen und trotzdem hatten beide einen Heidenspaß.

Oh ja, und noch ein Schlüsselerlebnis: Auf dem Rückweg aus Frankreich fuhren wir durch Flandern und setzten uns mit dem Ersten Weltkrieg auseinander. Janis, damals sechs, fragte auf meine Erklärungen hin: „Aber warum haben die Deutschen denn gegen die Franzosen gekämpft? Das wäre ja, als ob ich gegen Louis kämpfen würde, und von dem weiß ich doch, dass er lieb ist!“ Völkerverständigung in Reinform – wenn alle couchsurfen würden, wären Kriege unmöglich.

 

Frage Was für Erfahrungen habt ihr mit euren Gästen schon gemacht – positive, lustige, negative?

Wir hatten viele richtig tolle Besucher! Eine amerikanische Familie haben wir zum Beispiel auf die Weihnachtsfeier in Janis’ Grundschulklasse mitgenommen. Das fanden sie total spannend und es gab Anlass zu vielen interessanten Gesprächen. Überhaupt sind es oft die ganz alltäglichen Dinge, die besonders faszinierend sind – anderswo, aber eben auch beim „Passivreisen“, wenn wir Besuch bekommen.

Mit unserem polnischen Besuch neulich haben wir Bohnen geschnippelt, weil die gerade reif waren in unserem Gemüsegarten. Das war der Hit bei den Gastkindern, die waren es nämlich von zu Hause nicht gewohnt, in die Hausarbeit einbezogen zu werden. Ihr Vater meinte, diese Anregung werde er auf jeden Fall mit nach Hause nehmen. Unsere Jungs wiederum waren fasziniert, wie gut Kasia Englisch sprach, obwohl sie auch erst neun war.

Richtig negative Erfahrungen haben wir zum Glück noch nicht gemacht. Die eine oder andere Familie hatte eine gewöhnungsbedürftige Auffassung von Kindererziehung. Ich habe es aber geschafft, Gastkindern selbst mit Händen und Füßen zu vermitteln, dass im Gemüsegarten wirklich nicht gespielt wird – auch wenn ihre Eltern es nicht für nötig hielten, sie davon zu überzeugen. Und wenn andere Kinder am Tisch eine Schweinerei veranstalten und nicht sitzen bleiben mögen, lassen sich unsere Jungs dankenswerterweise nicht anstecken, sondern bemerken beim Zubettgehen außer Hörweite des Besuchs nur stolz: „Wir können uns aber besser benehmen als die!“

 

Frage Nehmt ihr gezielt Gäste aus Regionen auf, in die ihr gern „passiv reisen“ wollt?

Da wir auf dem Land und abseits der Touristenregionen wohnen, bekommen wir nur etwa drei Anfragen im Jahr. Im Forum der „Familiy welcome“-Gruppe antworte ich schon gezielt auf Postings von Familien, die offen für Vorschläge sind und lade sie zu uns nach Schaumburg ein. Aber da mache ich keinen Unterschied nach Nationalität.

Andere Familien in Großstädten bekommen mehrere Anfragen pro Tag und müssen ihre Gäste kritisch auswählen. Auch die wählen aber meist nicht nach Region, sondern eher so, dass das Alter der Kinder passt und die Besucher vom Profil her sympathisch erscheinen.

 

Frage Muss man bestimmte Voraussetzungen mitbringen, um „passiv zu reisen“?

Gute Englischkenntnisse sind schon praktisch, denn Kommunikationsprobleme führen mitunter zu Missverständnissen und Frust. Und was willst du mit den Besuchern, wenn du dich nicht mit ihnen unterhalten kannst?

Natürlich läuft eine „Passivreise“ auch stressfreier, wenn man dem Besuch ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen kann. In unserer alten Wohnung mussten die Couchsurfer tatsächlich auf der Couch im Wohnzimmer nächtigen. Das ging auch, aber jetzt ist es angenehmer, weil wir ein Kinderzimmer hergeben können.

Viel wichtiger aber ist die innere Einstellung. Wer es nicht ertragen kann, dass der Besuch frühmorgens schon mal aufsteht, die Spülmaschine ausräumt und dabei die gewohnte Ordnung im Schrank ein bisschen durcheinander bringt, der sollte sich vielleicht doch ein anderes Hobby suchen.   

 

Frage Ein typisches Familienproblem: Was, wenn ein Kind plötzlich krank wird?

Das ist uns zum Glück noch nicht passiert. Bei einem kranken Kind würde ich aber nicht unbedingt absagen. Ich würde unsere Gäste informieren und ihnen freistellen, ob sie trotzdem kommen wollen oder den Bazillen lieber aus dem Weg gehen möchten. Andersherum hatten wir den Fall schon: Unser Besuch aus Australien war kaum hier angekommen, als sie alle mit Magen-Darm-Infekt darnieder siechten. Was soll’s, das ist dann halt so. Interessanterweise hat sich keiner von uns angesteckt.

Dafür haben wir unwissentlich die Windpocken nach Frankreich und Irland exportiert, was uns unsere Gastfamilien zum Glück nicht übel genommen haben. Und in Estland lagen die Jungs mit 40 Grad Fieber im Gästebett. Haben wir auch überstanden.

 

Frage Wann kommen die nächsten Gäste zu euch?

Nach unseren diesjährigen Gästen aus Südkorea, Polen und dem Saarland ist die Urlaubssaison erstmal vorbei. Auf unserem eigenen Couchsurfing-Trip durch Großbritannien haben wir viele nette Leute kennengelernt, auf deren Gegenbesuch wir sehr hoffen. Dann kommen die Urlaubserinnerungen zu uns …

Ansonsten warten wir einfach ab, wohin die nächste „Passivreise“ geht.

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