KidsAway-ExperteninterviewSchulbefreiung auf Reisen – Praxisbericht einer Auszeit-Familie auf Europatour

Längere Zeit gemeinsam verreisen, das können deutsche Familien eigentlich nur, solange ihre Kinder noch nicht schulpflichtig sind. Das deutsche Schulgesetz macht es enorm schwer, Kinder vom Unterricht zu beurlauben und in dieser Zeit selbst zu unterrichten. Wie es trotzdem gehen kann, erzählt Lena im Interview.

von KidsAway-Redaktion

"Travelschooling" heißt es, wenn Kinder während einer Langzeitreise pauken müssen

"Travelschooling" heißt es, wenn Kinder während einer Langzeitreise pauken müssen

© family4travel

Lena Marie reist seit September 2014 mit Mann und zwei Kindern durch Europa. Ein Jahr Auszeit wird die Familie durch fast jedes Land unseres Kontinents führen. Soweit nicht (allzu) ungewöhnlich – wenn nicht beide Jungs der Familie schulpflichtig wären. Wie sie die Schulbefreiung ihrer Söhne ergattert haben, was sie im Vorhinein alles beachten mussten und wie es mit dem Unterricht „im Urlaub“ klappt, erzählt uns Lena Marie im Interview.

 

FrageLiebe Lena Marie, wann habt ihr euch für eine Langzeitreise mit Schulfreistellung eurer Söhne entschieden, und warum?

Lena Marie: In den ersten Jahren sind wir mit den Kindern immer drei bis vier Wochen am Stück gereist. Das hat uns allen vieren so viel Spaß gemacht, dass keiner wieder nach Hause wollte, wenn der Urlaub vorbei war. Durchs Couchsurfing haben wir ein paar Familien getroffen, die auf Langzeitreise waren. Schnell stand für uns fest, dass wir das auch wollten.

Viele Leute rieten uns damals, so etwas auf jeden Fall vor der Schule über die Bühne zu bringen. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Uns war wichtig, dass die Kinder wirklich etwas von der Reise haben, sich auch später noch daran erinnern können.

Den idealen Zeitpunkt haben wir vor fünf Jahren auf eben dieses Schuljahr festgelegt: Der Kleine ist groß genug, dass er weiß, was Schule bedeutet, und der Große ist noch klein genug, dass wir seinen Schulstoff selbst noch gut beherrschen. Da unsere Kinder auf eine Waldorfschule gehen, war der Schulübertritt kein Thema.

 

FrageWas haben eure Jungs dazu gesagt, ein Jahr lang nicht in die Schule zu gehen?

Beiden Kindern war von Anfang an klar, dass „keine Schule“ keinesfalls „kein Unterricht“ oder gar „ein ganzes Jahr Ferien“ bedeutet.

Die Klassenlehrer haben unsere Entscheidung nie in Frage gestellt. Beide kennen uns ja und wussten, dass wir verantwortungsbewusst mit der Situation umgehen würden.

 

FrageWie viel Vorbereitung war nötig, bis ihr die Schulfreistellungen in der Hand hattet?

Ein Dreivierteljahr vor Abfahrt haben wir ein erstes Gespräch mit den Klassenlehrern geführt und uns deren Rückendeckung versichert. Die Zustimmung der Schulleitung zu bekommen, hat dann eine ganze Weile gedauert. Zwar besagt das nordrhein-westfälische Schulgesetz, dass Kinder „aus wichtigem Grund“ bis zu einem Jahr vom Schulleiter beurlaubt werden dürfen. Doch eine Pro-Forma-Rückversicherung unserer Schule beim zuständigen Amt der Bezirksregierung brachte einen rechtlich bindenden Runderlass aus den 1980er-Jahren zu Tage, in dem alle „wichtigen Gründe“ abschließend aufgelistet waren. Und ein Sabbatical war dort natürlich nicht vorgesehen.

So ist das in Deutschland: Was nicht explizit erlaubt ist, ist automatisch verboten. Alle Beteiligten wollten verständlicherweise mit ihrem Hintern an die Wand, niemand wollte am Ende den Schwarzen Peter in der Hand halten, wenn wir Gesetze umgehen und unsere Kinder ein Schuljahr lang abseits von Recht und Ordnung unterrichten.

Erst nachdem die Jungs offiziell (und gegen eine saftige Schulgebühr) bei einer amerikanischen Fernschule eingeschrieben waren, klappte es dann doch mit der gesetzeskonformen Bürokratie. Sieben oder acht Wochen vor Abreise hatten wir die offizielle Schulbefreiung in der Hand.

 

FrageHattet ihr einen Plan B, wenn sich die Schulbehörde quergestellt hätte?

Ich kannte Familien, die solche Reisen gemacht hatten, auch in Deutschland. Also wusste ich: Es ist möglich. Anfangs hielt ich die Befreiung für eine reine Formsache, zumal die Schule gegen die Auszeit an sich ja keine Bedenken hatte.

Während sich die Angelegenheit zuspitzte, hatten wir mehrere Alternativpläne im Kopf. Alle wären darauf hinausgelaufen, dass wir uns in Deutschland abmelden, und alle hätten sehr unangenehme Pferdefüße gehabt. Aber wir hätten die Sache auf jeden Fall durchgezogen.

 

FrageWie habt ihr euch und eure Kinder auf das Lernen unterwegs vorbereitet? Was habt ihr an Lernmitteln dabei?

Wir haben mit den Klassenlehrern sehr genau das Curriculum abgesprochen und viel Unterstützung von den beiden bekommen. Zwar sind die Jungs dieses Jahr offiziell Teil des amerikanischen Schulsystems, aber bei aller Liebe zu Recht und Gesetz – was bringt es, wenn wir uns an deren Vorgaben halten, wenn unsere Kinder sich nach der Auszeit wieder ins deutsche Schulsystem eingliedern müssen?

Wir haben eine große Klappkiste mit Unterrichtsmaterialien dabei, mit Erstlese- und Sachbüchern über Römische Geschichte, mit Rechen-, Schreib- und Arbeitsheften und englischer Lektüre. Das volle Programm halt.

 

FrageRealitätscheck: Wie klappt es mit dem Lernen unterwegs?

Es klappt gut! In meinem Blog habe ich schon einmal über unseren Schulalltag auf Reisen berichtet. Natürlich ist eine ordentliche Portion Selbstdisziplin von Nöten, um das Pensum durchzuziehen, wenn vor der Tür der Ferienwohnung tausend Verlockungen ferner Länder warten. Aber in der Eins-zu-eins-Lernsituation dauert die Stoffvermittlung auch nur einen Bruchteil der Zeit, die die Kinder zu Hause im Klassenzimmer verbringen. Mit durchschnittlich etwa einer Stunde pro Tag kommen wir aus.

 

FrageProvokant gefragt: Lernen die Kinder denn wirklich etwas, wenn sie nicht in der Schule sind? Immerhin seid ihr ja keine Lehrer…

Provokante Gegenfrage: Wieso sollten Lehrer das Monopol besitzen, Kindern etwas beizubringen? Warum genau soll ein Schulgebäude notwendig sein, um junge Gehirne zu füllen?

Dass Kinder auf Reisen jede Menge andere Dinge lernen, die nicht im Stoffverteilungsplan stehen – Geschichte, Geografie, interkulturelle Kompetenz –, wird niemand bestreiten. Viele Reise-Eltern wünschen sich ja die Möglichkeit, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und das Jahr einfach nachholen zu lassen. Sicher wäre die Zeit auch in diesem Fall nicht „verloren“.

Wir hätten unseren Jungs den damit verbundenen Klassenwechsel nicht zumuten wollen, selbst wenn das möglich gewesen wäre. Außerdem sehe ich kein Problem, warum sie ihren Stoff dieses Jahr schlechter lernen sollten als sonst.

Nach acht Monaten Reise sind wir so gut wie durch mit dem Curriculum, das wir als „Hausaufgaben“ mitbekommen haben. Dabei sind unsere Jungs keineswegs Überflieger. Gerade an ihren „Problemzonen“ haben wir in dieser Zeit gut arbeiten können. Was sie leicht lernen, können wir dagegen kurz abhandeln.

Das letzte Urteil ist freilich noch nicht gesprochen. Ob wir wirklich so erfolgreich waren mit der Schulbildung abseits der Schule, müssen andere beurteilen. Aber echt jetzt, und ohne Lehrern generell die Kompetenz absprechen zu wollen: Wenn man keine 30 Flöhe vor sich hat, sondern nur einen oder zwei, ist Wissensvermittlung kein Hexenwerk.

 

FrageWürdet ihr so eine Reise mit Lernen unterwegs anderen Familien empfehlen?

Das „travel schooling“ an sich ist kein Problem, solange man die nötige Selbstdisziplin aufbringt, sich auch bei schönem Wetter und an spannenden Reisezielen immer mal wieder einen Vormittag hinzusetzen und in die Bücher zu gucken. Oft kann man Lernstoff und Umgebung auch verbinden, so dass die Kinder Grammatik oder Bruchrechnung fast nebenbei verinnerlichen.

Man sollte sich jedoch unbedingt im Klaren sein: Eine Schulbefreiung gibt es nicht für lau. Das gilt sowohl für die Schulgebühren der Fernschule im vierstelligen Bereich (die einzige mir bekannte Möglichkeit, sofern sich der Schulleiter nicht auf ein rechtlich angreifbares „Wir machen das einfach“ einlässt) als auch für den Arbeitsaufwand während der Reise. Ich möchte nicht herablassend klingen, aber wer schon zu Hause Probleme hat, die Hausaufgaben seiner Kinder zu verstehen, wird vermutlich nicht weit kommen.

Ich denke, die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer ist der beste Ansprechpartner, um zu beurteilen, ob im Einzelfall Kinder und Eltern ein angemessenes Team fürs „travel schooling“ ergeben.

Für uns waren die vergangenen acht Monate jedenfalls eine wunderbare, sehr bereichernde Erfahrung – nicht nur wegen des Reisens, sondern auch wegen des gemeinsamen Lernens. Und vor allem war das Unterrichten wirklich ein Klacks gegen das Durchboxen der Schulbefreiung. Wer das schafft, schafft den Rest mit links.

 

Vielen Dank für das Interview, liebe Lena!

 

TippMehr zum Thema Schulfreistellung

Wenn ihr mehr über das Thema Schulfreistellung für längere Reisen wissen wollt, könnt ihr in Lenas Blog „family4travel“ stöbern oder Lena direkt kontaktieren. Hier findet ihr auch wunderbare Reiseberichte und praktische Tipps zum Reisen in nahezu jedem europäischen Land!

Gute Ansprechpartner sind auch die „5Reicherts“, die seit Jahren mit ihren drei Kindern in Europa und weltweit unterwegs sind. Ihr ältester Sohn Esra hat vor Kurzem sein Abitur gemacht – und zwar, ohne dass er vorher in der Schule war.

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