Außergewöhnliche Familien auf ReisenKidsAway.de-ReisefamilieReisen mit schulpflichtigen Kindern: unsere Erfahrungen als Freilerner-Familie

Im neu ausgebauten Reisebus sind Verena und ihre Familie ab jetzt in Europa unterwegs - wie lange und wohin, haben sie noch nicht entschieden. Was sie hingegen schon wissen: Lernen ohne Schule funktioniert auf Reisen hervorragend.

Teil 12 von 12 der Serie Außergewöhnliche Familien auf Reisen

von KidsAway-Redaktion

Homeschooling auf Reisen: bei der Travelfamily funktioniert es

Homeschooling auf Reisen: bei der Travelfamily funktioniert es

© travelfamily.de

Wir sind wieder unterwegs! Den Bus-Umbau von September bis Mitte November haben wir erfolgreich abgeschlossen und die letzten Erledigungen ausgeführt.

Da wir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in Bayern schon kurz Schnee hatten, suchten wir spontan noch vor der Weiterreise einen Elektriker auf, der unsere Standheizung reparierte. Nach zehn Tagen in Landshut ging es am 4.12.2015 mit reparierter Heizung los.

Wir fuhren über Freiburg, Mulhouse und Lyon an die französische Küste. Zwischendurch verbrachten wir einen entspannten Tag im Europapark Rust und waren erstaunt über die vielen Kinder, die bereits vormittags im Park waren.

Wir bemerkten hier wieder einmal,  wie viele Homeschooler oder Freilerner es in Deutschland gibt. Wir sind nicht mehr die einzigen!

Viele wissen nicht, dass Deutschland eines der wenigen Länder mit Schulbesuchspflicht (ein Gesetz aus dem 19. Jahrhundert!) ist.  In vielen anderen Ländern zählt dagegen die Bildungspflicht.

Nach wie vor ist die häufigste Frage neben der Finanzierung der Reise: „Wie macht ihr das mit der Schule“? Als wir vor zwei Jahren begannen, uns mit einer Langzeitreise auseinanderzusetzen, verfolgten wir via Internet eine Familie, deren Kinder nicht zur Schule gingen. Ja, wir müssen zugeben: Wir waren empört und entsetzt. Wir haben uns vorher nie Gedanken darüber gemacht, sondern einfach geurteilt.

Bis wir die gleiche Entscheidung treffen mussten. Doch wie funktioniert es bei uns?

Früh übt sich der Handwerker

Früh übt sich der Handwerker

© travelfamily.de

Wie ihr vielleicht gelesen habt, erfahren wir große Unterstützung durch die Schulen und damaligen Lehrer. Sie fanden nicht nur unsere Entscheidung toll, nein, sie motivierten uns, wie wir den Kindern „Wissen“ vermitteln können, ohne täglich Schulbücher zu pauken. Wir waren absolut überrascht, als uns eine Lehrerin grob ihre Einschätzung zu den wirklichen „Lehrstunden“ gab.

Montag bis Freitag täglich ca. 5 Stunden  =  25 Stunden in der Woche

Davon abgezogen wird aber die Zeit für Pausen, Hefte austeilen, Hefte einsammeln, Kinder ermahnen, Tafel putzen, Kinderschuhe wechseln, Unterrichtsstörungen, Lehrerbesprechungen etc. Somit geht täglich fast eine Stunde für solche Kleinigkeiten flöten. Bleiben noch 20 Stunden wöchentlich.

Fächer wie Sport, Musik, Kunst, Handarbeiten, Werken oder Religion konnten wir mit bestem Gewissen aus „unserem Lernplan“ streichen. Sport machen wir täglich, weil wir viel wandern, schwimmen gehen oder anders in Bewegung sind.

Musik  ist bei uns immer dabei, sei es via Flöte, Gitarre oder Mundharmonika. Wir versuchen, dass unsere Kinder mit offenen Augen durch die Welt gehen. So entdeckten wir in Landshut zum Beispiel einen Geigenbauer, dem wir über die Schulter schauen durften und der uns einiges erklärte.

Kunst praktizieren wir täglich. Früher besuchten die Jungs sogar eine Malschule, mittlerweile wird nach Lust und Laune gebastelt und gemalt. Handarbeiten ist die Lehraufgabe der Oma im Allgäu. Mittlerweile können die Kinder Knöpfe annähen, Duftsäckchen nähen oder häkeln. Bei jedem Urlaub dort wird viel Zeit in ihrem Nähzimmer verbracht.

Kunstunterricht live bei einem Geigenbauer

Kunstunterricht live bei einem Geigenbauer

© travelfamily.de

Werken übernimmt der Opa, er hat eine tolle Werkstatt mit vielen Maschinen. Sei es Schnitzen, Fräsen, Schleifen oder Hämmern, alles kein Problem für die Kinder.

Ein Auge zugedrückt haben wir ebenso bei Biologie und Erdkunde. Biologie ist das große Hobby der Kinder! Alles, was kriecht und fliegt, wird genau unter die Lupe genommen und in ihren Tierbüchern nachgeschlagen. Neue Pflanzen entdecken sie in jedem Land und erkunden, ob sie genießbar sind oder wann sie blühen. Erdkunde haben wir täglich, indem wir unsere Route planen, Länder und Städte besuchen oder Reiseberichte von anderen Bloggern lesen und nachschlagen.

Religion versuchen wir unterwegs zu studieren, indem wir Wallfahrtsorte oder den Jakobsweg besuchen und darüber sprechen. Auf dem Foto ist Benjamin zu sehen, wie er in Medugorje auf dem Erscheinungsberg seinen Krapfen mit einem Bettler teilt.

Praktischer Religionsunterricht in Medugorje

Praktischer Religionsunterricht in Medugorje

© travelfamily.de

Wirklich interessante Fächer sind für uns Mathematik, Deutsch und Englisch. Hier ist uns nach wie vor wichtig, dass unsere Jungs nicht „auf der Strecke“ bleiben.

Englisch war am Anfang eine sehr große Leidenschaft, weil sie sich gern mit anderen Kindern austauschen. Mal ist das Interesse größer, mal ist es geringer. Hier können wir die Sache allerdings entspannt angehen, ein längerer Aufenthalt in England, Schottland und Irland ist für 2016 geplant und dort werden wir länger verweilen. In Budapest haben wir ein Lehrerehepaar aus Whitby (England) kennengelernt, die uns in ihre Schule eingeladen haben. Learning by doing ist angesagt!

Deutsch und Mathematik sind die für uns relevanten Schulfächer, die wir versuchen, nebenbei spielerisch aufzunehmen.
Wir üben nicht nur täglich indem wir Währungen umrechnen, verdoppeln oder halbieren. Entfernungen werden kalkuliert oder Dreisatzrechnungen im Hinblick auf Benzinverbrauch und Streckenberechnung geübt.

Gewiss geht es um viel mehr. Wir haben die Freiheit, uns gewisse Formeln etc. herauszupicken und darauf aufzubauen. Deutsch ist bei uns im Lernalltag alltäglich, da die Kinder sehr viel lesen. Julian zeigt im Moment großes Interesse, einen Kinderblog zu schreiben und möchte dazu das Zehn-Finger-Schreibsystem am Computer lernen. (Normalerweise 7. Klasse Realschule).

Das war ein kleiner Einblick zu unseren Lerndetails. Gerne möchten wir euch noch zeigen, was die Kinder erleben/lernen durften als Freilerner, wie wir es im ersten Reiseabschnitt gehandhabt haben.

Gabelstaplerfahren steht auf keinem Lehrplan

Gabelstaplerfahren steht auf keinem Lehrplan

© travelfamily.de

Julian war beim Bus-Umbau in Aachen mit dabei und konnte einiges über Solarpanels, Elektrizität und Busrestauration erfahren. In der Buswerkstatt durfte er mit dem Gabelstapler fahren und nach dieser Woche kann er seine Fahrkünste gut unter Beweis stellen. Stundenlang übte er präzises Auf- und Abladen.

Julian durfte den Elektroroller eines Freundes auf seinem Gelände fahren. Er baute sich einen Parcours und fuhr fast 50 km schnell in seiner Übungsstrecke. In Griechenland besuchten wir eine Schildkrötenauffangstation, erhielten einen ganzen Tag lang interessante Ausführungen darüber und durften eine Schildkröte auswildern.

Nach einem kleinen Homevideo für die Zeitschrift “Promobil” haben wir die Bavaria Filmstudios besucht und die Kinder konnten dort ihren ersten kleinen Film drehen. Sie blickten das erste Mal hinter die Kulissen einer Fernsehsendung.

Das ist nur eine kleine Aufzählung von Erlebnissen, die die Kinder in letzter Zeit sehr beeindruckt haben. Vor uns liegen Weltstädte wie Barcelona, Paris, London etc., die wir demnächst gemeinsam entdecken. Gewiss werden viele über diese Zeilen schnell urteilen, aber ich bin nach wie vor der Meinung, erst wenn ich mich mit einem Thema auseinandergesetzt habe und die Vor- und Nachteile erlebt, erforscht und probiert habe, kann ich darüber urteilen.

Ob unsere Kinder jemals wieder eine Schule besuchen?

Wir werden sehen, wie lange unser Reisebudget reicht und wie wir als Familie mit der Reisesituation in Zukunft zurechtkommen. Sicher ist nach wie vor – um einen Schulabschluss kommen sie nicht herum – das ist uns sehr wichtig!
Vielleicht interessiert Euch dieser Link von Esra Reichert. Ein Freilerner, der mit 17 das Abitur mit 1,7 geschafft hat, ohne zuvor in der Schule gewesen zu sein.

Liebe Grüße aus Südfrankreich!

Verena mit Bande

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